Marsh on Monday
Geld lenkt, Politik spielt

Die Leistung der großen Koalition lässt zu wünschen übrig. Ist sie ein Gebilde, oder sind es zwei? Besonders die die Debatte um die Gesundheitsreform offenbart die große Kluft zwischen Union und SPD. Die Finanzmärkte kümmert der Wirbel in der großen Koalition herzlich wenig.

Immer mehr erinnert die in sich geteilte Bundesregierung an den mythischen Ginkgobaum von Goethe: „Ist es Ein lebendig Wesen, das sich in sich selbst getrennt? Sind es zwei, die sich erlesen, dass man sie als Eines kennt?“

Die Koalition unter Angela Merkel ist mit der Grundzielsetzung angetreten, offenkundig notwendige Beschlüsse – Gesundheits-, Steuer-, Arbeitsmarkt- oder Föderalismusreformen – im Konsensverfahren effizient und emotionsfrei voranzutreiben. Große Koalitionen sind per Natur Anomalitäten, Luftschlösser von kurzer Dauer. Sie gewähren Politikern die Chance, den normalen Kampfgeist der Volksparteien für begrenzte Zeit auszusetzen, damit übergeordnete nationale Vorgaben über parteipolitische Interessen obsiegen.

So viel zur Theorie. Die Realität sah leider etwas anders aus. Schlau und zukunftsorientiert, wie die Politiker sind, waren sie ihrer Zeit voraus. In der Ära der Globalisierung gilt das Gesetz der rasanten Ideentransformation. Bei der Bundesregierung wird bereits jetzt geprobt, wie die Verhältnisse erst in einigen Jahren nach der zwangsläufigen Auflösung aussehen werden. Statt einer in sich schlüssig-stimmigen Regierungsmannschaft hat sich das Gebilde CDU-SPD zu einem verfremdenden oppositionellen Dualismus entwickelt, zu einer Verkörperung des klassischen „Zwei deutsche Seelen in einer Brust“-Syndroms.

Und die Finanzmärkte? Die zeigen sich vom Wirrwarr über die halbherzigen Reformvorhaben der Merkelschen Koalition völlig unberührt. Der Euro bleibt stabil, die Zinsen steigen ordentlich im Zuge einer scheinbar unangefochtenen Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, und der Dax durchbricht schon wieder die 6 000er-Marke. Trotz politischer Enttäuschung wächst die deutsche Volkswirtschaft weiterhin robust.

Der Wirbel in der großen Koalition? Eine schattenhafte Show, billiges Entertainment. Die kräftigsten Akteure befinden sich nicht im Reichstag, sondern auf den Bühnen der Finanzmärkte, wo die Rahmenbedingungen erstaunlich günstig sind. Auch Goethe hätte es so bezeichnen können: Das Geld lenkt. Die Politik spielt.

David Marsh ist Berater und Banker in London

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