Marsh on Monday
Hartes Training

David Marsh ist überzeugt: Wenn es beim Fußball hoch hergeht, intensiviert sich die subtile Schizophrenie des englischen Nationalcharakters.

Aus Angst vor Vorfällen mit schottischen Fans werden Trikots der englischen Mannschaft in schottischen Supermärkten aus dem Verkehr gezogen. Überall im Lande nehmen Briten die Fußball-Weltmeisterschaft als Anlass zur Nationalbeflaggung. Wohlgemerkt: Die allgegenwärtigen Fahnen mit dem roten Georgskreuz an Autos, Kneipen und Geschäftsfassaden sind weitgehend in China hergestellt.

Das Londoner Innenministerium warnt nach Deutschland reisende WM-Besucher davor, in deutschen Stadien Nazi-Gesten nachzuahmen. Die sonst stets politisch korrekte BBC zeigt jedoch keine Reue, wenn in einer Automobil-Fernsehsendung ein britischer Star-Moderator den von BMW gefertigten neuen Mini mit einem Hitlergruß bedenkt. An den Londoner Finanzmärkten kursieren abstruse Theorien über die Zusammenhänge zwischen Fußball- und Wirtschaftsleistung. Für die drei größten europäischen Volkswirtschaften stellte sich in den letzten vier Jahrzehnten ein WM-Erfolg eher als Vorbote ökonomischer Eintrübung dar. So folgten dem englischen Sieg von 1966, den deutschen Triumphen von 1974 und 1990 sowie dem französischen Erfolg vom 1998 Perioden wirtschaftlicher Schwäche. Sollte am 9. Juli eine europäische Mannschaft den Pokal hochhalten, wäre dies erfahrungsgemäß ein Menetekel.

Die Parallelen zwischen Börsenplatz und Fußballrasen sind vielfacher Natur. Im Unternehmensleben wie beim Sport: Wer Weltmeister werden will, muss Teamwork beschwören, ein hartes Training absolvieren, temperamentvolle Stars zusammenschweißen, guruähnliche Trainer einstellen und bei anhaltendem Misserfolg damit rechnen, des Feldes verwiesen zu werden. Die besten Businessmanager wie Fußballtrainer sind wortkarg, abstinent, kauf- und kampflustig, schreiben schlechte Memoiren – und bei Niederlagen schieben sie die Schuld Fans oder Aktionären in die Schuhe. Sven-Goran Eriksson und Jürgen Klinsmann sind vom Typ her gerade ideal dazu geeignet, notleidende, aufwärts strebende MDax-Firmen zu führen. Möglicherweise bahnen sich für beide nach der WM ohnehin neue Karrieresschritte an.

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