Marsh on Monday
Höhnisches Gelächter

Wenn Macht, Medien und Märkte zusammenprallen, kann das britische Fernsehen sein eigenes Doku-Drama liefern. So ist es in der vergangenen Woche geschehen, als eine bunte Episode der Fernsehwelt reichlich Aufmerksamkeit erzielt hat. Ein Paradebeispiel der sonst (besonders von uns Briten) hochgepriesenen britischen Unternehmensethik (Corporate Governance) ist sie leider nicht.

Wie in einem Thriller haben sich die Dinge überschlagen. Der amtierende Vorsitzende der British Broadcasting Corporation (BBC), Michael Grade, trat mit sofortiger Wirkung zurück. Bereits Anfang 2007 wechselt er zum Erzrivalen, dem börsennotierten Fernsehkonzern Independent Television (ITV). Sofort wurde der populäre Grade, der Neffe des legendären ITV-Mitgründers Lew Grade ist, von ITV-Mitarbeitern als Glück und Gewinn bringender Retter hochgejubelt. Denn ITV lebt sein Jahren vom Prinzip Hoffnung und versucht mit schwindendem Erfolg gegen die staatliche, sich zu den Kronjuwelen des Landes bekennende BBC zu konkurrieren.

Doch derzeit werden die Karten neu gemischt, und unter den Tycoons ist der große Streit ausgebrochen. Der geschickt agierende Medienmogul Rupert Murdoch hat über seine Tochter, den Bezahlsender British Sky Broadcasting (BSkyB), eine Minderheitsbeteiligung von fast 18 Prozent an ITV erworben. Damit hat er die Pläne des Kontrahenten Richard Branson, Eigentümer der Fluglinie Virgin, durchkreuzt, der über seinen Kabelkonzern NTL beim Fernsehkonzern ITV den Ton angeben wollte.

Im passenden Moment hat Grade seinen Coup inszeniert. Erstaunlich ist, dass sein BBC-Arbeitsvertrag ihm überhaupt erlaubt, ohne Schonfrist in die Dienste eines Rivalen einzutreten. Denn Grade verfügt über wichtige Informationen zu den finanziell-kommerziellen Perspektiven des Staatssenders. Er weiß auch über kontroverse Verhandlungen mit der Regierung zur Gebührenerhöhung Bescheid. Das kann für ITV Gold wert sein. Entsprechend ist der ITV-Aktienkurs nach Bekanntwerden der Nachricht gestiegen.

Künftige Beteuerungen auf der Insel, dass schlechte Sitten in der TV-Welt nur in Brasilien und Italien ein Problem seien, werden wie bei den besten BBC-Comedy-Shows quittiert: mit höhnischem Gelächter.

David Marsh ist Berater und Banker in London

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