Marsh on Monday
Italienischer Wirrwarr

Verbaler Wirrwarr, willkürliche Wählerverprellung, wilde Wortgefechte. Der italienische Wahlkampf zwischen Premierminister Silvio Berlusconi und Romano Prodi geht mehr schlecht als recht zu Ende.

Politik und Wirtschaft südlich der Alpen führen die volle Paradoxie der europäischen Lage vor Auge. Kein Land gab 1999 bei der Euro-Einführung mit größerer Begeisterung die Kontrolle über die Geld- und Währungspolitik ab. Und doch hat seitdem fast kein Land in nahezu allen Bereichen der Wirtschaft – bei Wachstum, Schulden, Preisen und Produktivität – schlechter abgeschnitten. Italiens Wettbewerbsfähigkeit hat sich seit dem Ersatz der Lira laut OECD-Statistik um 15 Prozent verschlechtert, gegenüber Deutschland sogar um 22 Prozent. Das Land bekommt seine Inflation nicht in den Griff, deswegen steigen die Löhne. Und der früher übliche Ausweg – die Abwertung der Lira – ist verbaut.

Die negative Wirtschaftsentwicklung geht so gut wie nahtlos mit den jüngsten Karriereetappen beider Wahlmatadore einher. Berlusconi und Prodi spiegeln das von wechselseitiger Faszination und Aversion geprägte Verhältnis der Italiener zu Europa wider. Der erste als Premierminister seit 2001, der zweite als Regierungschef 1996 bis 1998 und danach als Präsident der Europäischen Kommission.

Der Premierminister verspricht Steuergeschenke, der Oppositionsführer Reformen. Berlusconis Polemik gegen den Euro sollte man nicht wörtlich nehmen, denn die negativen Effekte eines Austritts aus dem Währungsverbund – vor allem beim Schuldendienst – würden die potenziellen Vorteile weit übertreffen. Doch die fortschreitende Verunsicherung im Euro-Gründungsland kann der Gemeinschaftswährung nur Unheil bescheren.

Verwickelter kann die Situation kaum werden. Je größer die wirtschaftlichen Probleme, desto stärker die Versuchung, Europa als Sündenbock zu charakterisieren. Und die einst von Befürwortern wie Widersachern des Euros geforderte länderübergreifende politische Sicherung für die gemeinsame Währung wirkt immer realitätsfremder.

Mit dem Wechsel zum Euro suchten Italiens Politiker die Entitalienisierung Italiens. Stattdessen entfernen sich Europa und Italien voneinander.

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