Marsh on Monday
Kampf der Kulturen

Die Chronik der wechselhaften Beziehungen in der europäischen Börsenlandschaft wird immer bunter. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse, Werner Seifert – brillant, impulsiv, polarisierend, und letztlich erfolglos – hatte vor 18 Monaten versucht, die London Stock Exchange (LSE) zu 5,30 Pfund je Aktie zu übernehmen. Seine Strategie war richtig, auch wenn sie nicht aufging. Seifert hat sich als viel besserer Spekulant herausgestellt als die auf ihn einschlagenden Hedge-Fonds-Manager.

Auch die Seifert nicht immer zugeneigte Londoner City erkennt darin jetzt eine tiefere Ironie. Die Initiative des quirlig-dünnhäutigen Schweizers, die Londoner Börse für einen 50 Prozent niedrigeren Preis zu erwerben, als sie heute wert ist, war ohne Zweifel weitsichtig. Ihm wurde damals von seinen Hedge-Fonds-Anteilseignern Wertvernichtung vorgeworfen – ein Argument, das zwar zu seiner Entlassung führte, sich jedoch im Nachhinein als falsch erwiesen hat.

Und jetzt? Durch die jüngsten Entwicklungen im Börsenwettbewerb haben sowohl die LSE als auch die Deutsche Börse ihre Lieblingspartner verloren. Aus unterschiedlichen, teilweise auch unrealistischen Beweggründen hatten beide Konkurrenten ein Zusammengehen mit der Vierländerbörse Euronext favorisiert. Stattdessen haben die reichen amerikanischen Börsen-Onkel Nyse und Nasdaq den Europäern den Hof gemacht und aller Voraussicht nach auch die Schau gestohlen.

Warum tun sich besonders in Sachen Finanzwesen Franzosen und Deutsche so schwer, zueinander zu finden? Als vor fast zehn Jahren die Grundsteine zur europäischen Währungsunion gelegt wurden, haben nicht wenige prognostiziert, dass deutsch-französische Finanzhochzeiten, wie zum Beispiel die lange ersehnte Paarung BNP-Dresdner Bank, Hochkonjunktur haben würden. Doch die Hoffnung auf airbusähnliche Banken- und Finanzkonstellationen ist geschwunden.

Die immer wieder durch Fragen der Machtbalance erschütterte Anbahnung von Deutscher Börse und Euronext unterstreicht damit eine traurige Realität. Die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen verhindern großartige Fusionen im Finanzsektor. Die LSE mit Seifert als Spitzenmann wäre kein leichtes Unterfangen gewesen, doch im Vergleich zu einer fusionierten Deutschen Börse-Euronext: ein Kinderspiel!

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