Marsh on Monday
Macht und Memoiren

Die Gesellschaft sucht Rollenmodelle aus der Politik. Zwei führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bieten nützliche Lektionen, wie man mit politischen und ökonomischen Risiken umgeht: Gerhard Schröder und Edmund Stoiber.

Dass die Gesellschaft Rollenmodelle aus der Politik sucht, hat sich längst als Faustregel etabliert. Dies gilt umso mehr, wenn es sich im Zeitalter schnelllebiger globaler Veränderungen um Orientierungshilfe für die Wirtschaft handelt. Zwei führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – der erste mit, der zweite ohne Absicht – bieten gerade nützliche Lektionen, wie man mit politischen und ökonomischen Risiken umgeht. Gerhard Schröder und Edmund Stoiber: Galionsfiguren mit höchst unterschiedlichen Werdegängen und Weltanschauungen, durch ein gemeinsames Talent vereinigt, praktische Ansätze für die Beilegung ökonomischer Schwierigkeiten zu demonstrieren.

Mit atemberaubender Geschwindigkeit, viel rasanter als all seine Vorgänger aus den Vorglobalisierungsjahren, bringt der ehemalige Bundeskanzler seine Memoiren auf den Markt und löst damit drei Probleme auf einmal. Gebannt für lange Zeit werden persönliche Geldsorgen, verstärkt wird die Reputation als politischer Macher, getrieben wird ein Keil in die Reihen der Gegner, egal ob Opposition oder eigene Partei. Das Ganze dient als brillante Fallstudie, wie in einer grandiosen Mischung aus Opportunismus und Machtkalkül ein Weiterleben nach dem politischen Ende gewährleistet werden kann.

Der bayerische Ministerpräsident wird in den Erinnerungen Schröders als Versuchskaninchen in einem dubiosen Experiment vorgeführt. Schröder bietet ihm das hohe, aber risikoreiche Amt des europäischen Kommissionspräsidenten an, Stoiber winkt nach längerem Zaudern ab und wird daher der staatspolitischen Drückebergerei bezichtigt. So wird der CSU-Chef in eine tückische Falle gelockt. Egal, wie er auf die Kanzler-Offerte reagiert hätte, wäre er später in der Schröder-Biografie entweder als Mimose oder Marionette bloßgestellt worden.

Ein Schreckensbeispiel für kommende Wirtschaftsgenerationen? Wer nicht im Stande ist, sich über die Grenzen des weiß-blauen Freistaates nach Brüssel (oder Berlin) hinauszuwagen, zeigt möglicherweise Vernunft, aber auch ein gewisses Übermaß an Risikoaversion. Als unternehmerisches Rollenmodell für künftige Börsenaspiranten sicherlich untauglich. Zumindest bis zum Erscheinen der nächsten Memoiren.

David Marsh ist Berater und Banker in London

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