Marsh on Monday
Mittal-Stürmer

Welch verkehrte Welt! Mit seinem Griff nach Arcelor erteilt der indische Stahl-Milliardär Lakshmi Mittal der Industrie des Alten Kontinents scheinbar die letze Ölung. Die Welt starrt mit Schaudern dem rasanten Aufstieg von China und Indien entgegen. Jetzt greift einer der kontroversesten indischen Unternehmer nach einem europäischen Industrie-Kronjuwel – und löst einen politischen Tumult aus.

Viele auf den Londoner Finanzmärkten sehen im Übernahmegefecht ein Synonym für den verzweifelten Überlebenskampf von „Old Europe“. Die Realitäten sind etwas komplizierter, die Kontraste aber frappierend. Auf der einen Seite die in Wagenburghaltung gerückte alte Garde der europäischen Politik. Die Regierungschefs – vom französischen Präsidenten Jacques Chirac bis hin zum luxemburgischen Premierminister Jean-Claude Juncker – stehen der angeblich mangelnden europäischen Gesinnung des verdächtigerweise von London aus operierenden Inders eben so glück- wie machtlos gegenüber. Auf der anderen Seite Lakshmi Mittal und sein Sohn Aditya, Finanzvorstand des börsennotierten, aber zu 88 Prozent von der Mittal-Familie kontrollierten Unternehmens Mittal Steel: eine alles andere als schüchterne, von aufwärts strebendem asiatischem Geist beflügelte Dynastie.

Besonders in der Stahlbranche ist nicht alles Gold, was glänzt. Das Übernahmeangebot birgt viele Risiken. Mittal möchte die Akquisition vor allem durch eigene Aktien finanzieren, für die es – aufgrund des geringen Streubesitzes sowie eher an traditionelle kontinentaleuropäische Modelle erinnernder Stimmrechtsbeschränkungen keinen voll funktionierenden Marktmechanismus gibt. Viele Beobachter vergessen auch, dass Mittal vor fünf Jahren durch die damals notleidende Weltstahlkonjunktur in eine Existenzkrise geraten war. Wer weiß, ob solche Zeiten wiederkommen?

In einem Punkt haben die Londoner Analysten Recht. Entscheidungsprozesse für die Mittal-Episode müssen sich dem Primat der Ökonomie, nicht der Politik, unterziehen. Indien erlebt in diesen Tagen erbitterten Widerstand gegen Flughafen-Privatisierungspläne der Regierung, die sie teilweise zugunsten ausländischer Firmen wie Fraport entschieden hat. Wer mit politisch-polemisierenden Instrumenten in Europa Wind sät, wird in Indien Sturm ernten.

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