Marsh on Monday
Offene Rechnung

Nach enormen Startschwierigkeiten hat sich Deutschland als treibende Kraft des Euro-Raums etabliert. Sollte die Währungsunion den deutschen Einfluss in Europa ursprünglich eher begrenzen, scheint es nun, als profitiere keine andere Wirtschaftsmacht so sehr davon.

LONDON. Der Versuch, der wirtschaftlichen Macht des wiedervereinigten Deutschlands entgegenzutreten, lieferte einen ausschlaggebenden Grund für die Einführung der Europäischen Währungsunion. Durch eine gemeinsame Währung, so lautete das Argument in den Jahren 1990/1991, würde der dominierende Einfluss des D-Mark-Staates gebrochen werden. Der französische Staatspräsident Francois Mitterrand behauptete: "Mehr Deutschland" müsse man durch "mehr Europa" kontern. Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl stieß ins gleiche Horn. So wurde der Grundstein für den Euro gelegt.

Und was ist seitdem passiert? Frankreich und Deutschland haben auf völlig entgegengesetzte Weise auf die Herausforderungen reagiert. In den 90er-Jahren haben die Franzosen ihre Politik der Disinflationierung mit Erfolg durchgesetzt. In Deutschland hatten die Reformanstrengungen nachgelassen. So traten 1999 die Franzosen in die Währungsunion mit einer guten Wirtschaftsstruktur ein, die Deutschen aber mit einer relativ schlechten - und auch mit einer leicht überbewerteten Währung. Seit 1999 hat sich der Spieß erneut umgedreht. Angespornt durch die negativen Euro-Startkonditionen haben die Deutschen ihre Volkswirtschaft restrukturiert. Die Franzosen dagegen waren so sicher, mit der Einführung des Euro einen großen Sieg errungen zu haben, dass sie bei den Strukturreformen den Rückwärtsgang einlegten.

Die kräftig erhöhte Wettbewerbsfähigkeit lässt sich in der deutschen Zahlungsbilanz sehen. Trotz des starken Euros wird Deutschland 2007 wieder einen Rekord-Handelsbilanzüberschuss aufweisen. Der Überschuss in der ersten Jahreshälfte erhöht sich auf 98 Milliarden Euro im Vergleich zu 76 Milliarden Euro in der gleichen Vorjahresperiode. Ungefähr 60 Prozent dieser Beträge entfallen auf den Handel mit dem Euro-Raum, in dem die Mitgliedsländer nicht mehr abwerten können.

Die wachsenden Überschüsse lassen die Vermutung aufkommen, gerade innerhalb eines Raums nicht mehr abänderbarer Wechselkurse könnten die Deutschen ihre wirtschaftspolitischen Muskeln am besten spielen lassen. Die robuste Wirtschaftsleistung der Deutschen in Europa stellt eine offene Rechnung dar, die irgendwann politisch wie ökonomisch von den anderen Mitgliedsländern beglichen werden muss.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%