Marsh on Monday
Tony Blair und Labour: Bedrohliche Sintflut

Wäre die Labour-Partei ein börsennotiertes Unternehmen, würde der Spitzenmann genauso argumentieren, wie in den letzten Wochen der britische Premierminister. Was wäre, wenn Blair sich einfach an den Corporate-Governance-Kodex der Cromme-Kommission orientieren würde?

Der nun seit neun Jahren amtierende Vorstandsvorsitzende wird auf der Hauptversammlung ausgepfiffen. Die wichtigsten Beiräte rebellieren, der Aktienkurs sinkt, die Presse zeigt sich zunehmend aggressiv. Just vor einer wichtigen Klausurtagung wechselt er die Hälfte seiner Führungsmannschaft aus. Doch das Haus kommt nicht zu Ruhe. Nimmt der Chef doch endlich seinen Hut? Nein, er hat einen Fünf-Jahres-Vertrag, der noch etliche Jahre läuft. Voller Leidenschaft beharrt er darauf, den Kontrakt pflichtgemäß zu erfüllen. Es geht darum, künftiges Unheil von seinem Unternehmen abzuwenden.

Keine einfache Lage für Tony Blair. Wäre die Labour-Partei ein börsennotiertes Unternehmen, würde der Spitzenmann genauso argumentieren, wie in den letzten Wochen der britische Premierminister. Die Aktionäre mögen ihm etwas mehr Zeit gewähren, um die Ergebnisse zu verbessern! Der Finanzvorstand Gordon Brown, der ihn schon seit langem gerne beerben möchte, sei ein blutloser Technokrat, der nicht das Zeug zur Führung besitze. Die Gefahr einer wertvernichtenden Übernahme durch ein rivalisierendes Unternehmen aus konservativer Nachbarschaft sei immer bedrohlicher. Nach Blair die Sintflut!

Doch es gibt in der Not den Corporate-Governance-Kodex der Cromme-Kommission. Dieser empfiehlt eine Kürzung der Vertragslaufzeiten, von fünf auf drei Jahre. Um Vertrauen zurückzugewinnen, müssen sich Vorstandsmitglieder alle drei Jahre um die Wiederwahl bemühen.

Blair beugt sich also dem Votum der Fachleute, tritt zurück, schreibt Memoiren, hält im Ausland Reden.

Aber die Erkenntnis kommt zu spät. Auch Brown ist nach kurzer Zeit entmachtet. Finanzvorstände eignen sich im Normalfall nicht als Nachfolger gewichtiger Staatsmänner. Es sei an das Beispiel der ersten Geschäftsführer der Bundesrepublik Deutschland AG erinnert. Ludwig Erhard machte nach Konrad Adenauer keine gute Figur.

Die meisten politischen Karrieren enden in einem Scherbenhaufen. Die meisten Politiker erkennen aber noch nicht die Bedeutung der Cromme-Kommission. Daran wird sich wahrscheinlich nur wenig ändern.

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