Marsh on Monday
Überhitzte Stahlphantasie

Im Verlauf einer Sonderkonjunktur propagieren Investmentbanken und weitere Anhänger der Devise „Big is Beautiful" unermüdlich die vermeintlichen Vorteile immer teurerer Transaktionen. Dass Größe nicht alles ist, ist allerdings in der Stahlsparte längst bewiesen.

Von einem solchen Fusionsfieber ist der internationale Stahlsektor voll erfasst. Ist ja auch klar: Positive Kosten- und Preiseffekte können nur durch stets größere Herstellungs- und Umsatzvolumina erreicht werden.

Dass Größe allein nicht immer mit Qualität und Profitabilität einhergeht, ist allerdings in der Stahlsparte längst bewiesen. Die Lokaltreue der Märkte, die kostspieligen Verkehr- und Vertriebswege, auch die wachsende Spezialisierung: all dies führt dazu, dass größere grenzüberschreitende Unternehmenszusammenschlüsse bis in die jüngere Vergangenheit eher mit Skepsis betrachtet wurden. Mit seiner kühnen Initiative, in einer 27 Mrd. Euro schweren Transaktion den führenden europäischen Hersteller Arcelor zu übernehmen, hat der indische Stahlmagnat Lakshmi Mittal jetzt die geographische, aber auch die psychologische Landkarte schlagartig verändert.

Die Kombination Mittal-Arcelor vereint zehn Prozent des Weltproduktion auf sich, dreimal so viel wie der zweitgrößte Konkurrent. Auch Rivalen denken jetzt über Zusammenführungen nach. Tata aus Indien – hoch geschätzt im Subkontinent, international jedoch ein Pygmäe – erwägt offenbar ein Kaufangebot für den britisch-niederländischen Stahlkonzern Corus. Auch die russische Stahlfirma Severstal befindet sich angeblich auf Einkaufstour in Europa.

Aber wie decken sich solche Überlegungen mit der Realität? In der Stahlbranche selbst herrscht Nüchternheit. Etliche Kursbewegungen der letzten Zeit, beispielsweise bei Corus, sind eher auf spekulative Machtspiele einiger Banken oder Aktionäre zurückzuführen. In einer international fragmentierten und spezialisierten Industrie wollen die meisten Hersteller unter sich bleiben. Sollten sich Befürchtungen über ein abruptes Ende der robusten Stahlkonjunktur bewahrheiten, wären die Risiken bei größeren Akquisitionen unannehmbar hoch.

Nur für begrenzte Zeit kann man die wirtschaftliche Lage in der Stahlbranche durch Übernahmephantasie aufrechterhalten. Eine Abkühlung der übertriebenen Fusionsspekulationen täte diesem Industriezweig gut.

David Marsh ist Berater und Banker in London

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