Marsh on Monday
Verschärfte Spielregeln

Wenn Fußball-Ergebnisse in umgekehrtem Verhältnis zur Wirtschaftsleistung stehen, dann kann die WM als nützlichen Lastenausgleich für die internen Schwächen Europas fungieren. Deutschland gewinnt in jüngster Zeit einen Teil seiner alten ökonomischen Potenz zurück.

Sogar die Einhaltung der strengen Maastrichter Defizit-Verfahren rückt in greifbare Nähe! Gerade zu diesem sensiblen Zeitpunkt wäre es taktlos gewesen, wenn die Deutschen aus dem Turnier in der Heimat als Weltmeister hervorgegangen wären.

Stattdessen hat der Gastgeber rücksichtsvoll den wirtschaftlich unter Druck stehenden Nachbarländern Italien und Frankreich den Vortritt gelassen. Die Regierungen in Rom und Paris setzten sich vor 15 Jahren an die Spitze der Bewegung zur Gründung der Währungsunion, deren ökonomische Ergebnisse den Erwartungen bisher nicht voll entsprochen haben. Die Deutschen reagieren mit Weitblick. In Maastricht verzichteten sie auf die D-Mark, in Berlin auf den WM-Pokal. Mehr europäische Solidarität kann man nicht verlangen.

Auch ein englischer Sieg wäre für die europäischen Belange fehl am Platz gewesen. Hätte sich die ruppige Spielart des bulligen Mittelstürmers Wayne Rooney durchgesetzt, hätte dies dem angelsächsischen Turbokapitalismus europaweit Tür und Tor geöffnet. Rooneyismus passt nicht in die europäische Landschaft. Freilich fordert die Niederlage politische Konsequenzen. Sven-Göran Eriksson und Tony Blair werden sukzessive von der Bühne verschwinden. Europa wird nicht darunter leiden.

Aber halt! Drängen sich vielleicht doch – unbemerkt von den Zuschauern – wichtige Änderungen durch die europäische Hintertür? Die WM-Schiedsrichter waren stringenter als sonst, weitere Verschärfungen sind programmiert. Ähnliches vollzieht sich bei den ökonomischen Spielregeln der EU. Wenn Deutschland jetzt endlich die Maastricht-Vorgaben erfüllt, müssen die Nachbarländer wohl auch bald stark nachbessern. In den kommenden Jahren droht damit manchem Mitglied der Währungsunion die rote Karte.

Mögen die Deutschen beim Fußball durch Gastfreundschaft und Großzügigkeit auffallen. Auf anderen Spielfeldern - bahnen sich – gerade für die gestrigen Finalisten – härtere Zeiten an.

David Marsh ist Berater und Banker in London

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