Marsh on Monday
Zwei Sorten Analysten

Wie viel ist ein Aktienanalyst wert? In Deutschland, das von Angst vor übermächtigen Kapitalmarktakteuren geprägt ist, werden dieser Zunft manchmal klassenfeindliche Charakterzüge attestiert.

„Wir wollen nicht“, so hat mir vor einigen Jahren ein führender SPD-Politiker vehement bekundet, „in einer Analystenwelt leben.“ Aber auch in der vermeintlich mit dem Geist des Turbokapitalismus durchtränkten Londoner City ist der Ruf nicht wesentlich besser. Reputation und Stellenwert der so genannten Sellside-Analysten in den Aktienhandelsabteilungen der europäischen und amerikanischen Investmentbanken vermindern sich fast täglich.

Der vorläufige Tiefpunkt kam letzte Woche mit einer gezielten Indiskretion an die Londoner Presse. In einem Rundbrief an seine Broker-Teams schrieb der Chef der Aktienanalyse bei Europas kapitalstärkster Bank, HSBC, seinen Analysten ein vernichtendes Urteil ins Stammbuch. Die laufenden, an Fondskunden abgeschickten Analystenberichte seien „so gut wie wertlos“: wenig analytisch und voller Floskeln.

Die Kritik unterstreicht, dass etliche Analystenabteilungen in Existenznöte geraten. Bei den Investmentbanken werden die Ressourcen für hauseigene Analysemannschaften stark reduziert, seitdem Quersubventionen aus den Fusions- und Akquisitionsabteilungen im Zuge etlicher Skandale der letzten Jahre als nicht mehr zulässig gelten. Aufgrund dieser Episoden sind manche Kauf-Empfehlungen der Sellside-Analysten für die so genannten Buyside-Kunden bei den Fondshäusern eher verdächtig. Das Ergebnis: Viele Sellside- Analysten wechseln auf noch besser bezahlte Buyside-Jobs bei prosperierenden Fondsverwaltern, inklusive Hedge-Fonds. Ihre Berichte und Empfehlungen werden nicht mehr für einen weiten Kundenkreis, sondern nur für den internen Gebrauch der Fondsmanager eingesetzt.

Analysten bei den kleineren, unabhängigen, wenig von internen Interessenkonflikten betroffenen Broker-Häusern sind weiterhin gefragt. Aber die Sellside- Herausforderungen bringen den gesamten Aktienmarkt in Bedrängnis. Gut funktionierende Märkte benötigen einen dynamischen Austausch an Ideen, Meinungen und Konzepten. Wird der Analystenruf zu stark beschädigt, dann werden nicht nur Analysten darunter leiden.

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