Marsh on Tuesday
Gastmitglied im Euro-Club

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl hat einmal prophezeit, dass Großbritannien so schnell wie möglich dem Euro-Pakt beitreten würde. Doch noch heute hegt und pflegt die britische Wirtschaft ihr Pfund. Dies bedeutet aber noch lange nicht, dass das Finanzzentrum der Londoner City nicht auf dem Kontinent die Finger im Spiel hat.

Anfang der 90er-Jahre vertraten viele die Meinung, die unaufhaltsame Sogkraft der monetären Integration in Europa werde auf die Londoner City eine magnetische Wirkung haben. Bundeskanzler Helmut Kohl hatte im Dezember 1991 beim Maastrichter Gipfeltreffen verkündet, die britischen Finanzhäuser würden auf die Londoner Politik so einen unwiderstehlichen Druck ausüben, dass Großbritannien zum frühestmöglichen Zeitpunkt, im Jahre 1997, der Europäischen Währungsunion beitreten werde. Da ich diesem Standpunkt widersprach, hatte ich mit ihm eine Wette abgeschlossen – sechs Flaschen deutschen gegen sechs Flaschen englischen Wein. Die Wette gewann ich schließlich 1998. Eine Kiste „Gimmeldinger Hofstück“ wurde nach Großbritannien geliefert. Der währungstechnische Fortschritt stockte, die weinkulturelle Verständigung kam entscheidend voran.

Auf den Banknoten der Insel ist der Kopf der Königin noch intakt. Trotzdem hat sich die Welt mächtig weitergedreht. Trotz der britischen Euro-Abstinenz haben sich die Kapitalmarktverbindungen zwischen London und dem europäischen Festland auf unvorhersehbare Weise intensiviert. Im Gegensatz zur Erwartung des Altbundeskanzlers drängt die City die Politik nicht, in den Euro-Verein einzutreten. Denn als größter, innovativster, profitabelster und internationalster Finanzplatz Europas ist sie längst Mitglied – ohne dass England die Klubgebühren zu entrichten hätte.

Ein Beispiel: der Bieterkampf zwischen Barclays und Royal Bank of Scotland um ABN Amro. Dass zwei Finanzinstitute außerhalb der Währungsunion über eine der größten Euro-Banken herfallen könnten, hätte sicherlich auch einen Herrn Kohl überrascht. Ähnliches zeichnet sich im Bereich der Corporate Governance ab, wo angelsächsische Fonds bei kontinentaleuropäischen Publikumsunternehmen ein gewichtiges Wort mitreden.

Für das Gastmitglied im Euro-Club ist es Pflichtsache, kontinuierliche Spielpräsenz zu zeigen, auch um die Stammmitglieder daran zu erinnern, dass sie auf dieser Erde nicht allein sind. Außerhalb der Mannschaft zu sein, aber doch am Ball zu bleiben: für die Inselbewohner, wie immer bei den Beziehungen zum europäischen Festland, eine wichtige Priorität.

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