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Massachusetts schreibt Geschichte - erste legale Homo-Ehen

Boston (dpa) - Die Hochzeitstorte gab es um Mitternacht und hunderte Paare küssten sich und strahlten um die Wette. In Massachusetts ist als erstem US-Bundesstaat seit diesem Montag die Ehe zwischen schwulen oder lesbischen Partnern erlaubt. In der liberalen Universitätsstadt Cambridge öffnete das Rathaus bereits kurz vor Mitternacht (Ortszeit) und gab die Anträge auf Eheschließung aus. Andere Städte in dem Ostküstenstaat wollten dies erst zum normalen Arbeitsbeginn der Behörden tun.

In Cambridge haben die ersten Paare bereits am Samstagabend ihre Stühle aufgestellt. Wetterfest in Regenjacken verpackt, warten sie mehr als 24 Stunden vor dem Rathaus. Je näher das historische Datum rückt, desto ausgelassener wird die Partystimmung unter den Hunderten von Paaren und deren Freunden.

Ganz vorn stehen zwei Frauen, beide etwa Mitte 50. Seit 27 Jahren seien sie zusammen. «Da kann man auch mal 24 Stunden warten», sagt die eine. «Wir lieben uns», sagt ihre Partnerin und strahlt. Ganz eilig haben es Alex Fennel und ihre Partnerin: «Sieben Jahre habe ich gewartet. Jetzt will ich nicht noch eine Sekunde warten», sagt sie dem Nachrichtensender CNN. «Unsere Träume sind wahr geworden. Wir sind so glücklich», sagt ein Homo-Paar.

Viele hätten den Wunsch, bei dem historischen Moment dabei zu sein und auf der anderen Seite Angst, dass es wieder schnell vorbei sein könnte, begründet die Tageszeitung «Boston Globe» den Ansturm. In vielen Interviews weisen Paare auf Probleme, Intoleranz und vielfach auch auf Ablehnung in der eigenen Familie hin. Viele bedauern auch, dass für sie in dem vorwiegend römisch-katholischen Massachusetts nur eine standesamtliche, aber keine kirchliche Trauung möglich sei.

Knapp drei Jahre dauerte für die Aktivisten gleichgeschlechtlicher Ehen der Weg durch die Instanzen. Am 11. April 2001 wurde sieben Paaren in Massachusetts die Heirat verweigert. Sie zogen vor Gericht. Im vergangenen November entschied der Oberste Gerichtshof des Ostküstenstaates in einem Aufsehen erregenden Urteil mit vier zu drei Stimmen, dass die Verweigerung der staatlichen Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren diskriminierend sei und die Verfassung des Bundesstaates verletze. Das Parlament wurde angewiesen, innerhalb von sechs Monaten die gesetzlichen Voraussetzungen zur Zulassung der Homo-Ehe zu schaffen.

Die vier Bischöfe von Massachusetts sprachen damals von einer nationalen Tragödie. Bis zuletzt versuchten Gegner die Homo-Ehe zu verhindern. Am Freitag scheiterten sie mit einer einstweiligen Verfügung vor dem Obersten Gerichtshof der USA. Drei Tage vor der Legalisierung gab Erzbischof Sean P. O'Malley noch eine Erklärung heraus: Mit tiefer Trauer werde die Einführung gleichgeschlechtlicher Ehen zur Kenntnis genommen. Die katholische Kirche bleibe der Wahrheit verpflichtet, dass die Ehe das einzigartige Band zwischen Mann und Frau sei. O'Malley befürchtet eine Schwächung der Institution Ehe, weil sie nur noch eine Wahl des Lebensstils unter anderen sei.

Dagegen feiern Aktivisten, dass erstmals auch homosexuelle und lesbische Paare durch die Heirat gleiches Recht und gleichen Schutz erhielten wie andere Ehepaare auch.

Um einen Heiratstourismus wie vor wenigen Monaten in San Francisco zu verhindern, will sich der Gouverneur von Massachusetts Mitt Romney - ein Gegner von Schwulen- und Lesben-Paaren - auf ein Gesetz von 1913 berufen, wonach nur Einwohnern des US-Bundesstaates die Eheschließung erlaubt sei. Paare, die nur wegen der Heirat aus anderen Bundesstaaten kommen wollen, sollen nicht getraut werden.

In einem Verstoß gegen geltende Gesetze hat der Bürgermeister von San Francisco im Februar mehr als 3400 gleichgeschlechtliche Paare trauen lassen. Der Oberste Gerichtshof von Kalifornien verbot die Praxis im März.

Massachusetts schreibt Geschichte - und dies ausgerechnet in einem Wahljahr. Für genug Wahlkampfmunition bei Gegnern und Befürwortern ist gesorgt. US-Präsident George W. Bush ist erklärter Gegner der Homo-Ehe. Auch sein demokratischer Herausforderer John Kerry, der aus Massachusetts stammt, hat sich vergangene Woche gegen gleichgeschlechtliche Ehen ausgesprochen. Er plädiert allerdings für gewisse Änderungen in der Rechtsprechung, damit schwule und lesbische Paare besser geschützt werden.

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