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Massenbeerdigungen in Beslan

Ganz Russland hat am Montag der Geiselopfer von Beslan gedacht. Auf dem neuen Friedhof der kleinen Stadt im Kaukasus gaben tausende Trauernde bei strömendem Regen rund 100 getöteten Geiseln das letzte Geleit.

dpa BESLAN. Ganz Russland hat am Montag der Geiselopfer von Beslan gedacht. Auf dem neuen Friedhof der kleinen Stadt im Kaukasus gaben tausende Trauernde bei strömendem Regen rund 100 getöteten Geiseln das letzte Geleit.

Landesweit herrschte Staatstrauer für die offiziell 335 Opfer des blutigen Geiseldramas, von denen fast ein Drittel bislang nicht identifiziert werden konnte. Insgesamt wurden in den Krankenhäusern Russlands am Montag noch 565 Verletzte behandelt, unter ihnen 347 Kinder. Im Kreml in Moskau gedachte der russische Präsident Wladimir Putin der Opfer.

Russische Medien berichteten unter Berufung auf die Aussagen eines Tatverdächtigen, unter den insgesamt 32 Geiselnehmern sei es nach dem Überfall auf das Schulgebäudes am vergangenen Mittwoch zu einem tödlichen Streit gekommen. Einige der Terroristen hätten von ihrem Anführer verlangt, die Kinder freizulassen. Daraufhin habe jener Anführer einen seiner Gefolgsleute erschossen und die Sprengstoffgürtel am Körper zweier "Schwarzer Witwen" - wie in Russland die Selbstmordattentäterinnen genannt werden - ferngezündet.

Im Rahmen ihrer Ermittlungen zu den Hintergründen der Geiselnahme bestätigten die Sicherheitsbehörden am Montag den "internationalen Charakter" der Gruppe der Geiselnehmer. "Unter ihnen gab es viele Ausländer, Bewohner verschiedener Kaukasus-Republiken und - was am schlimmsten ist - sogar einen Osseten", zitierten die russischen Agenturen einen namentlich nicht genannten Ermittler. Schon wenige Stunde nach der gewaltsamen Erstürmung der Schule durch die Einsatzkräfte hatte es geheißen, dass unter den 32 Geiselnehmern auch "neun Araber und ein Afrikaner" seien. Zahlreiche befreite Geiseln sagten dagegen, sie hätten keine Ausländer unter den Terroristen gesehen.

Bei einer zentralen Gedenkfeier, zu der Politiker aus Moskau und Sankt Petersburg nach Beslan angereist waren, sprach Russlands Parlamentsvorsitzender Boris Gryslow von "tiefster Trauer". "Durch unser ganzes Land zieht sich eine Frontlinie, eine Frontlinie im Kampf gegen den Terrorismus", sagte er. "Wir müssen jetzt alles tun, dass die Hinterbliebenen weiter leben, und dass die Geretteten ein normales, menschenwürdiges Leben führen können." Russlands Vize- Generalstaatsanwalt Sergej Fridinski erklärte am Montag erneut, dass die Erstürmung der Schule am vergangenen Freitag "nicht geplant" gewesen sei.

Nach Angaben des Einsatzstabes sind etwa 100 der aus der Schule von Beslan geborgenen Leichen zum großen Teil bis zur Unkenntlichkeit entstellt. In 60 Fällen könne die Identität nur mit Hilfe einer DNA-Analyse festgestellt werden. Die Zahl der Vermissten wurde von Nord-Ossetiens Gesundheitsminister Alexander Sopliwenko deutlich nach unten korrigiert. Es gebe "keine Dutzenden oder Hunderte, sonder nur noch einzelne Vermisste", sagte er. Die zuletzt offiziell genannte Zahl von rund 190 Vermissten sei eine "von Journalisten falsch interpretierte Information". Bei der Erstürmung der Schule "Nr. 1" am vergangenen Freitag waren 30 von 32 Terroristen getötet worden.

"Es gibt nicht eine Familie in Beslan, und leider auch in ganz Ossetien, die nicht einen Toten zu beklagen hat", sagte Boris Urtajew, Bürgermeister der 35 000-Seelen-Stadt. "Heute kommt die ganze Republik zu Trauerfeiern zusammen." In allen Bezirken der russischen Teilrepublik wurden Buskonvois zu Sonderfahrten nach Beslan zusammengestellt.

Im Kreml eröffnete Putin eine Sitzung der Regierung mit einer Gedenkminute. "Mit der Seele und dem Herzen sind wir heute alle dort - in Nordossetien, in Beslan", sagte Putin. In der Mariä- Himmelfahrtskathedrale im Kreml zelebrierte Patriarch Alexi II., das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, einen Gedenkgottesdienst. "Jeder von uns hat in seinem Herzen den Schmerz und das Leiden gefühlt, die das Volk Nordossetiens in Folge dieses himmelschreienden Terrorakts gegen friedliebende Menschen erlebt hat."

Drei Tage nach der gewaltsamen Erstürmung des Schulgebäudes versorgten Ärzte in den Krankenhäusern Russlands am Montag noch 565 Verletzte. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Kinder. Viele Ex- Geiseln mit leichteren Verletzungen waren in den vergangenen Tagen nach Hause entlassen worden. Insgesamt hatten die Terroristen, die die Schule am Mittwoch überfallen hatten, 1180 Menschen in ihrer Gewalt gehalten. Auf dem Flughafen der Kaukasus-Stadt trafen am Montag zwei Transportflugzeuge mit Medikamenten und humanitärer Hilfe aus den USA ein. Schon am Vortag war ein Hilfsflug aus Italien eingetroffen. Die Bundesregierung und Hilfsorganisationen aus Deutschland kündigten weitere medizinische Hilfe für die Opfer an.

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