Massenentlassungen bei Zulieferern sind nicht zu vermeiden
Bei Fiat sind mehr als 40 000 Jobs gefährdet

Italien steht unter Schock, und Wirtschaftsforscher gehen von dramatischen Folgen für den italienischen Arbeitsmarkt aus.

mab MAILAND. Den angekündigten 8 100 Entlassungen direkt beim Autobauer könnten weitere 35 000 Stellenstreichungen bei Zulieferern folgen, befürchtet die Gewerkschaft CGIL. Allein am Stammsitz des Traditionskonzerns Turin sind nach Angaben der Provinzverwaltung 11 000 bis 15 000 Jobs in Gefahr. Am Donnerstag gingen den ganzen Tag die Proteste der betroffenen Arbeiter weiter. Wütende Werker blockierten zwischenzeitlich die Autobahnen Mailand- Gotthard und Palermo-Messina. Für heute haben die Gewerkschaften einen vierstündigen Streik in allen Fiat-Werken ausgerufen.

Besonders dramatisch stellt sich die Situation am sizilianischen Standort Termini Imerese dar: Dort hängt die gesamte lokale Wirtschaft am Tropf des Autoherstellers. Nach Ansicht des Ministers für regionale Angelegenheiten, Enrico La Loggia, ist die Schließung des Werkes mit 1 800 Mitarbeitern "ein Geschenk an die Mafia". Ein Arbeitsloser wende sich leichter einer kriminellen Organisation zu als ein Beschäftigter, glaubt der Minister. In der Regierung mehrten sich gestern die Stimmen, die eine Abwicklung der Fabrik im Hinterland von Palermo mit allen Mitteln verhindern wollen. Ministerpräsident Silvio Berlusconi sagte: "Wir hoffen, dass Schließungen vermeidbar sind und werden gemeinsam mit dem Unternehmen nach Alternative suchen."

Die Handlungsspielräume der Regierung sind aber eng begrenzt. Direkte Staatshilfen an das Unternehmen hat Vize-Premier Gianfranco Fini bereits ausgeschlossen: "Das stünde nicht im Einklang mit europäischen Regeln." Auch Frühpensionierungen auf Kosten der öffentlichen Hand werde es nicht geben. Der Regierung bleibt nicht viel mehr, als in den kommenden zwölf Monaten die Lohnersatzzahlungen in Höhe von 80 % des letzten Nettogehaltes an die entlassenen Arbeiter zu leisten. Danach ist Schluss, denn anders als in Deutschland gibt es in Italien keine Arbeitslosenversicherung. Außerdem wird eine Verlängerung der Steuererleichterungen beim Kauf von Kleinwagen um ein weiteres Jahr immer wahrscheinlicher. Rom erwägt zudem, die sizilianischen Arbeiter in staatliche Beschäftigungsmaßnahmen zu integrieren.

Für Fiat bleibt indes auch nach der Restrukturierung die Luft dünn. Die Deutsche Bank beziffert die jährlichen Einsparungen durch den Plan auf 250 Mill. Euro. Das sei viel zu wenig, um bei gleichbleibendem Absatz die Gewinnschwelle zu erreichen. Die Autosparte von Fiat, die rund 40 % des Konzernumsatzes ausmacht, wird nach Ansicht von Analysten in diesem Jahr operativ 1,2 Mrd. Euro und unterm Strich rund 2 Mrd. Euro verlieren.

Auch der Erfolg des Plans der Fiat-Führung, jährlich 2,4 Mrd. Euro in neue Modelle investieren, um bis 2004 mit den Autos wieder schwarze Zahlen zu schreiben, steht in Frage. Denn aktuell befinden sich für diesen Zeitraum nur zwei komplett neue Modelle in der Pipeline. Angesichts dieser Situation ist es nicht erstaunlich, dass mittlerweile auch in der sonst so zahmen italienischen Presse offen über die Möglichkeit eines Verkauf von Fiat-Auto an den Partner General Motors geschrieben wird. GM besitzt bereits 20 % des Geschäftsfeldes.

Quelle: Handelsblatt

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