Massenhochzeit gegen Fremdenhass
600 Paare für Wouter Van Bellingen

Der Wochenmarkt in der belgischen Kleinstadt Sint Niklaas ist Treffpunkt vieler Kulturen. Hinter den Ständen rufen sich die Verkäufer Sätze auf Türkisch, Arabisch oder Flämisch entgegen. Doch gerade in dieser scheinbaren Idylle ist der Fremdenhass so groß wie nirgendwo anders. Mit einer Massenhochzeit will die Stadt genau dagegen ein Zeichen setzen.

BRÜSSEL. Oliven in großen Holzfässern, Erdnüsse mit und ohne Schale, Fladenbrot und Couscous - das Angebot auf dem Wochenmarkt von Sint Niklaas südlich von Antwerpen ist bunt und reichhaltig. Die Menschen, die sich zwischen den Marktbuden hindurchschieben, kommen einmal in der Woche aus der ganzen flämischen Region zum größten Markt in der Umgebung. Hinter den Ständen rufen sich die Verkäufer Sätze auf Türkisch, Arabisch oder Flämisch entgegen - Multikulti pur.

Aber ganz so idyllisch, wie sie scheint, ist die Welt in Sint Niklaas nicht. Bei den letzten Wahlen erreichte der rechtsextreme Vlaams Belang hier eines seiner besten Ergebnisse: Ein Viertel der Wähler stimmte für die Partei von Filip Dewinter, die unter anderem einen sofortigen Einwanderungsstopp für alle nicht-westlichen Immigranten fordert. Und das bekommen auch die zu spüren, die schon da sind - zum Beispiel der schwarze Stadtverordnete und Vizebürgermeister Wouter Van Bellingen: "Drei Paare haben es in den vergangenen Wochen abgelehnt, sich von mir trauen zu lassen, weil ich schwarz bin", sagt der 34-jährige Politiker, der für die linke Spirit-Partei im Stadtrat sitzt. "Offener Rassismus" sei das, meint Van Bellingen, der auch sonst mit abschätzigen Blicken und Beschimpfungen etwa auf Zugreisen zu kämpfen hat.

Und genau dagegen will die Stadt Sint Niklaas, die zurzeit von einer linken Koalition regiert wird, am heutigen Mittwoch ein Zeichen setzen. Zum Internationalen Tag gegen Rassismus haben sich rund 600 Paare aus ganz Europa angekündigt, um sich von Wouter Van Bellingen symbolisch trauen zu lassen. "Wir wissen, dass wir Rassisten in dieser Stadt haben. Deshalb brauchen wir ein positives Zeichen", sagt Pat de Buck, der seiner Ehefrau heute noch einmal das Ja-Wort geben will, um Van Bellingen zu unterstützen. Die meisten Paare, die sich für heute Abend angemeldet haben, kommen aus Flandern, aber es sind auch einige aus Frankreich, den Niederlanden und Deutschland dabei - zum Beispiel aus Essen und Mülheim im Ruhrgebiet. "Die Paare müssen nicht verheiratet sein und es auch nicht wirklich vorhaben. Es müssen zwei Menschen sein, die sich in aller Öffentlichkeit ein positives Versprechen geben wollen", sagt Van Bellingen.

Wenn der großgewachsene Stadtverordnete über den Wochenmarkt läuft, grüßen ihn ununterbrochen Passanten und Marktleute. Er und seine Familie sind in dem 70 000 Einwohner-Städtchen bekannt - nicht zuletzt, weil die Familie äußerst ungewöhnlich ist: "Ich habe vier Adoptivkinder. Jedes hat eine andere Farbe: braun, gelb, weiß und schwarz", erzählt Simmone Maes, die Mutter von Wouter Van Bellingen. Gekümmert habe sie das nicht, welche Farbe ihre Kinder hätten. Traurig macht sie, dass die nun darunter leiden müssen. "Schwarze, die hier eine Wohnung suchen, werden wegen ihrer Hautfarbe häufig abgelehnt", erzählt ihr jüngster Sohn Wouter. Auch in der Schule seien er und sein größerer Bruder immer wieder gehänselt worden.

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