Maßgeschneiderte Online-Einkaufsauktionen konkurrieren mit großen Web-Börsen
Firmen starten Online-Auktionen in Eigenregie

Viele große Online-Marktplätze kommen nur schwer ans Laufen. Immer mehr Unternehmen starten deshalb Web-Auktionen in Eigenregie – eine Chance für Unternehmen wie Goodex, Portum oder Econia. Sie verstehen sich nicht nur als Marktplatzbetreiber, sondern auch als persönlicher Einkaufscoach.

HB FRANKFURT/M. Damit hatte keiner gerechnet: Zur völligen Überraschung drückte bei der Online Reverse Auction ein Lieferant sein Angebot für zwei Transformatoren um beinahe 50 % nach unten. Bei der umgekehrten Auktion per Internet (Reverse Auction) wird von einem gegebenen Preis aus abwärts geboten, der günstigste Anbieter bekommt den Zuschlag.

Hektik kommt auf. Nach kurzer Beratung kommen die Einkäufer bei der Süwag AG und der Auktionsleiter des Plattformbetreibers Goodex AG zur Erkenntnis, dass es sich um einen Fehler handeln muss. Der Preis wird gelöscht. Kamikazepreise helfen niemandem und wenn der Bieter es ernst meint, kann er sein Angebot ja wiederholen - was aber erwartungsgemäß nicht passiert. Die speziell für die Süwag organisierte Web-Auktion in der Hauptverwaltung in Frankfurt nimmt ihren gewohnten Gang. Zum Schluss liegt der Zuschlag für ein Bündel aus drei Netztrafos um 5,35 % unter dem Ausgangswert von 1 435 000 Euro.

"Wir müssen jetzt sparen, nicht später", begründet Helmut Lechleitner, Einkaufsleiter beim RWE-Unternehmen Süwag Energie AG den Alleingang beim sogenannten E-Sourcing, dem Online-Einkauf strategischer Produktions- und Investitionsgüter. Der von zwölf großen Versorgern getragene europäische Marktplatz für die Versorgungsindustrie Eutilia.com - an dem auch die Süwag-Mutter RWE AG beteiligt ist - ist noch nicht in Fahrt gekommen. Es wird noch bis zum 1. Quartal 2002 dauern, bis das operative Geschäft aufgenommen wird, räumt Andre Lanning, Chief Commercial Officer bei Eutilia, auf Anfrage ein. Deshalb wurden bei der Süwag am Montag Blockheizkraftwerke, Netztrafos, Kombiwandler und Leistungsschalter in vier privaten Auktionen eingekauft.

Eine Entwicklung, die Volker Pyrtek Finanzvorstand der Goodex AG, Bonn, sehr entgegen kommt. Goodex stellt die Auktionsplattform und den Service. Lieferanten werden in die Feinheiten der Onlineauktion und die Software eingewiesen. Dafür gibt es eine Gebühr. Goodex liefert die Infrastruktur, der Einkäufer das Branchen-Wissen.

Das über die Bonner Goodex gehandelte Volumen hat 1,2 Mrd. Euro erreicht. Jüngst wurde das nach eigenen Angaben bislang längste Onlinebietverfahren durchgeführt. Heraus kam nach 16 Stunden ein Zweijahreskontrakt über 150 000 Fernmeldemasten mit einem Preisnachlass von 22 %.

Doch der sichtbare Trend zu spezialisierten branchenbezogenen Märkten könnte Firmen wie Goodex, Portum AG oder etwa die Kölner Econia AG bedrohen. Letztere hat schon vom Marktplatzbetreiber auf Beratung umgesattelt. So sollen bald im Auftrag der Autoplattform Covisint Lieferanten an E-Sourcing herangeführt, geschult und beraten werden - damit bei Covisint endlich das Europa-Geschäft in Gang kommt. Über kurz oder lang wird der Umsatz den Großen gehören, ist Eutilia-Manager Lanning sicher: "Allgemeine Marktplätze haben die Technologie, aber nicht das Branchen-Wissen", kontert er. Damit will er die unabhängigen aus dem Rennen werfen.

Nur: die Kunden wollen heute handeln. "Wir sehen einen großen Bedarf für eigene Sourcing-Lösungen", erklärt Gerald Heydenreich, Vorstandschef der Frankfurter Portum AG. Portum ist Partner vom M-Exchange. Doch dessen utility.de, ein Markt für E-Sourcing der Ver- und Entsorgungswirtschaft, ist auch noch in der Pilotphase.

Heydenreich sieht mindestens noch für zwei bis drei Jahre erheblichen Bedarf an Dienstleistung wie Analyse des Beschaffungs- oder Lieferantenpools sowie konkrete Auktions- oder Ausschreibungsvorbereitung. Erst dann werde Online-Sourcing zum Normalfall werden.

Den Zuschlag für die Süwag-Transformatoren hat übrigens ein krasser Außenseiter erhalten. Eine italienische Bieterin, Anna Caspii von der Elettromeccanica Tironi Srl, stach nach 105 Minuten und 29 Geboten quasi in der letzten Sekunde die bisherigen deutschen Lieferanten eiskalt aus. Das ist Tironis erster Auftrag für die Süwag und der zweite übrhaupt für den Essener RWE-Konzern, weiß Lechleitner, der im kommenden Jahr mindestens 10 % des Sourcings online bestreiten will. Nun auch mit Tironi.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%