Massive Investitionen in Mobilfunksysteme und Handyproduktion
Siemens hofft auf China

Der Siemens-Konzern fährt seine Handy-Produktion in Schanghai hoch und treibt die ehrgeizige Entwicklung eines eigenen Mobilfunk-Standards voran. Die Hoffnung: Wenn er sich im Riesenmarkt China etabliert, kommt auch der Weltmarkt nicht mehr an der Technik vorbei. Doch die Konkurrenz ist groß.

PEKING. Siemens will in Zukunft in China mehr Handys bauen als in Europa. Das Ziel des Elektronik-Konzerns: in Asiens Mobilfunkmarkt zum zweitgrößten Anbieter aufrücken. Derzeit ist Siemens Nummer drei hinter Motorola und Nokia. Deshalb erhöhen die Münchner, deren Mobilfunksparte im ersten Quartal dieses Jahres tiefrote Zahlen vorgelegt hat, die Kapazität ihrer Mobiltelefonfabrik in Schanghai von 10 Mill. Geräten auf 14 Mill. im kommenden Jahr. Dafür investieren sie 60 Mill. $.

Schanghais Kapazität für Netzwerkausrüstung wird um ein Drittel erhöht. Außerdem steckt Siemens 250 Mill. $ in den Ausbau seiner drei Forschungs- und Entwicklungszentren in Fernost, dem derzeit grössten Wachstumsmarkt der Telekom-Branche. In diesem Jahr will Siemens 5 Mill. Mobiltelefone in China verkaufen, dem mit Abstand größten Einzelmarkt im Fernen Osten.

Ein weiterer Grund für die Aufstockung des Forschungsetats: Das Vorantreiben eines neuen Mobilfunkstandards der dritten Generation namens TD-SCDMA. Siemens zufolge läuft das Projekt, an dem Analysten in letzter Zeit zunehmend Zweifel angemeldet hatten, nach Plan. Allerdings droht ein Rechtsstreit mit dem US-Konkurrenten Qualcomm. Qualcomm meldet an der Technologie weitgehende Urheberrechte an, was Siemens vehement bestreitet.

"Asiens Mobilfunkmarkt wächst mit 30 %", begründet Lothar Pauly, im Siemens-Vorstand für die Sparte mobile Information und Kommunikation (ICM) zuständig, das Investitionsprogramm. "Die Produktionskapazitäten in Schanghai werden zum Ende des Jahres an ihre Grenzen kommen." Die Hälfte der künftigen Produktion in Schanghai, 7 Mill. Handys, ist für China bestimmt, der Rest für den Export.

Bislang wurden erst rund 100 000 Stück nach Europa geschickt, aber Pauly erwartet, dass die Zahl im kommenden Jahr auf 2 Mill. steigen wird. Die Produktion in Deutschland soll nicht heruntergefahren werde, allerdings gehen Erweiterungsinvestitionen jetzt nach China. "Wir rechnen im nächsten Jahr mit 20 % Marktwachstum weltweit, das werden wir in Schanghai abfangen", sagt Pauly. Außerdem werde Siemens in Brasilien eine "kleine Produktionslinie" von 1 Mill. Handys für den lokalen Markt aufbauen. 30 bis 40% der Geräte lässt der Konzern in Auftragsherstellung fertigen, vor allem bei Flextronics.

Ein Großteil der 250 Mill $, die Siemens zusätzlich in seine Entwicklungszentren in Peking, Schanghai und Singapur stecken will, sollen der mobilen Datenkommunikation zugute kommen. Die Zahl der Stellen dort verdreifacht sich auf 320. Unter anderem sollen die Techniker bis 2003 das erste Handy mit dem Siemens-eigenen Mobilfunkstandard TD-SCDMA zur Produktionsreife bringen.

Pauly ist überzeugt davon, dass eine effizientere Nutzung der Frequenzen und Kostenersparnisse dem Standard auch ausserhalb von China Chancen eröffnen, wenn er sich dort durchgesetzt hat. In Peking demonstrierte Siemens jetzt die erste Video-Übertragung mit Hilfe der Technologie, die sich im ersten Anlauf in Europa nicht durchsetzen konnte. Deshalb wird seit 1998 zusammen mit der Datang Telecom in China entwickelt. Im Oktober sollen erste Feldversuche starten.

Von ihnen hängt viel ab, denn Siemens muss Chinas Mobilfunkanbieter von den Vorteilen des Standards überzeugen. Ein hochrangiger Beamter des Ministeriums für die Informationsindustrie beteuerte zwar jüngst, China werde die Einführung von TD-SCDMA "aktiv unterstützen". Doch darauf alleine sollte sich Siemens nicht verlassen, sagen Branchenanalysten.

Das Land wandele sich schnell zur Marktwirtschaft, in der der Staat kaum noch Einfluss auf die kommerziellen Entscheidungen der Unternehmen nehmen könne, weiß etwa Duncan Clark, Managing Director des Telekom-Beratungsunternehmen BDA China in Peking. "Als das TD-SCDMA-Projekt verkündet wurde, konnte es auf die volle industriepolitische Unterstützung der Regierung bauen", meint Clark. "Die schwindet nun und TD-SCDMA wird sich auf kommerzieller Basis beweisen müssen."


Von China in den Rest der Welt

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%