Massive US-Luftangriffe auf Taliban-Bastion Kandahar
Wie Bin Laden die Taliban kaufte

Terroristenführer Osama bin Laden hat sich nach Angaben eines früheren afghanischen Ministers die Loyalität der Taliban mit Bündeln von Bargeld erkauft.

dpa/rtr WASHINGTON/KABUL. Häufig, wenn Bin Laden etwas von den Talibanführern wollte, sei er mit Bündeln von 50 000 bis 100 000 Dollar gekommen, berichtete der inzwischen zur Nordallianz übergelaufene frühere Vize-Innenminister Mohammed Chaksar in einem am Freitag veröffentlichten Interview mit der "Washington Post".

"Er hatte die Taschen voller Geld. Immer wenn er wollte, holte er es heraus und gab es ihnen", sagte Chaksar. Außerdem habe er den Talibanführern teure Autos geschenkt. Mit seiner Großzügigkeit habe er erreicht, dass niemand gegen Bin Laden vorgehen konnte. "Niemand hatte Macht über Osama. Er tat, was er wollte", sagte der Ex-Minister in einem der ersten Berichte aus dem inneren Zirkel des Taliban- Machtgefüges.

Nach Angaben der "Washington Post" verbündete sich der frühere Vize-Innenminister, der unter anderem für die Einhaltung der strikten Taliban-Ordnung auf den Straßen Kabuls zuständig war, nach dem Fall Kabuls mit der Nordallianz. Er lebe inzwischen in einem komfortablen Anwesen in Kabul. Nach Angaben der Zeitung war Chaksar zwar Teil der brutalen Taliban-Herrschaft, zugleich hatte er sich aber bereits 1999 in Interviews hinter vorgehaltener Hand kritisch gegenüber Bin Laden geäußert und soll über die Jahre auch in Kontakt mit der Nordallianz gestanden haben.

Luftangriffe fortgesetzt

Die US-Armee hat am Freitag ihre Luftangriffe auf die letzte Taliban-Bastion Kandahar fortgesetzt. Es handele sich um einige der heftigsten Bombardements seit dem Beginn der Angriffe Anfang Oktober, sagten Gegner der Taliban. Deren Truppen näherten sich immer weiter der Stadt im Süden des Landes. US-Vizepräsident Dick Cheney sagte in Washington, der Osama bin Laden halte sich vermutlich in seinem Höhlenkomplex Tora Bora nahe der Stadt Dschalalabad im Osten Afghanistans auf, geschützt von Kämpfern seiner Organisation El Kaida. Aus einer Gefängnisfestung im Norden wurden erneut Schüsse gemeldet, wo es einen Aufstand von etwa 600 gefangenen Taliban gegeben hatte.

"US-Flugzeuge greifen alle Ziele der Taliban und der El Kaida in und um die Stadt herum an", sagte der Kommandeur Mohammad Anwar. In Kandahar soll sich der Chef der radikal- islamischen Taliban, Mullah Mohammad Omar, aufhalten. Er hat seine Truppen angewiesen, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen. Auf einem Flugfeld nahe der Stadt sind nach Angaben des US- Verteidigungsministeriums inzwischen etwa 1000 Marine- Infanteristen stationiert. Es gab keine Anzeichen für einen bevorstehenden Einsatz der Soldaten bei einer Erstürmung von Kandahar. Ein Sprecher des ehemaligen Gouverneurs der Stadt, Kommandeur Gul Agha, sagte, sechs Kilometer vom Flughafen entfernt seien etwa 3000 seiner Kämpfer stationiert.

Der Flüchtlingsstrom aus der Region um Kandahar hat sich den Vereinten Nationen (UNO) zufolge inzwischen fast verdreifacht. Am Donnerstag seien 1166 Menschen an dem pakistanischen Grenzübergang Chaman angekommen, sagte ein Sprecher des UNO - Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Dagegen steige im Westen die Zahl der Afghanen, die aus dem Iran zurückkehrten. Das Welternährungs-Programm (WFP) hat einer Sprecherin zufolge seine Vorgaben für einen Transport von 52 000 Tonnen Lebensmittel im November überschritten. Damit könnten sechs Millionen Menschen für einen Monat versorgt werden, sagte sie. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte vor dem Ausbruch Antibiotika resistenter Arten von Tuberkulose in Afghanistan.

Cheney sagte, offenbar halte sich Bin Laden in seinem unterirdischen Versteck in den Weißen Bergen etwa 56 Kilometer südwestlich von Dschalalabad auf. "Er hat Einrichtungen, unterirdische Höhlen, die er für ziemlich sicher hält", sagte Cheney dem Fernsehsender ABC. Bin Laden soll in Tora Bora ein Höhlensystem mit Wasser, Strom und Lüftungsanlagen eingerichtet haben, das von hunderten oder tausenden seiner Kämpfer bewacht wird. Die USA haben seit dem Beginn ihrer Angriffe am 7. Oktober die Region mehrfach angegriffen. Die US-Regierung macht Bin Laden für die Anschläge vom 11. September in New York und bei Washington verantwortlich.

Ein Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) sagte in Kabul, gegen Mittag seien in der Festung Kala-i- Dschanghi erneut Schüsse gefallen. Drei Afghanen seien in die Festung gegangen, um Leichen zur Identifikation zu holen. Zwei seien verletzt zurückgekehrt, einer werde noch vermisst. Ob dies bedeute, dass es noch rebellierende Taliban- oder El-Kaida - Gefangene gebe, konnte der Sprecher nach eigenen Angaben nicht sagen. Am Sonntag hatten sich etwa 600 Gefangene Waffen von ihren Wärtern der Nordallianz angeeignet. Die Rebellion wurde nach drei Tagen mit Hilfe der US-Luftwaffe beendet. Nach Angaben der Nordallianz sind vermutlich alle Aufständischen getötet worden.

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