Mathias Bucksteeg
Interview: „Die Starken stärken“

Mathias Bucksteeg, Direktor der Prognos AG, erklärt im Handelsblatt-Interview die Strategien der Stillen und nimmt Stellung zu Problemen der Standortpolitik in Deutschland.

HB: Herr Bucksteeg, neun der zehn attraktivsten Standorte im Zukunftsatlas liegen südlich der Main-Linie, acht davon in Bayern und Baden-Württemberg. Ist das nur Zufall?

Bucksteeg: Nein, keineswegs. Vor allem in Bayern und Baden-Württemberg haben die Landesregierungen bereits vor vielen Jahren einen Paradigmenwechsel bei der Wirtschaftsförderung vollzogen. Die Standortpolitik in diesen Bundesländern folgt klar dem Elitepostulat: Die Landespolitik versucht, schon vorhandene Spitzenstandorte weiter zu stärken, und setzt darauf, dass diese Top-Regionen schwächere Städte und Kreise mitziehen. Das Konzept geht auf - das gute Abschneiden des Südens ist der Beleg.

HB: Was genau machen die Wirtschaftspolitiker in den anderen Bundesländern falsch?

Bucksteeg: In zu vielen Bundesländern verfolgt die Wirtschaftspolitik noch immer das Ausgleichspostulat, das die unionsregierten Südländer in dieser Form aufgegeben haben. In Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein versuchte die Wirtschaftsförderung lange, möglichst überall im Lande gleiche wirtschaftliche Bedingungen herzustellen. Das führte zu einer Technologie- und Innovationspolitik nach dem Gießkannenprinzip - die Fördergelder versickerten weitgehend wirkungslos.

HB: Was bedeutet das für Problemzonen wie das Ruhrgebiet?

Bucksteeg: Die Politik muss selbst im Revier den Mut aufbringen, ausgewählte Spitzenstandorte konsequent zu fördern - sie kann sich darauf verlassen, dass diese Wachstumskerne dann den Rest des Ruhrgebiets von alleine mitziehen. Die Politik sollte zudem die Standorte zu einem kreativen Wettbewerb um die Landesförderung zwingen.

HB: Was ist verkehrt an einer Wirtschaftspolitik, die sich auf die Schwachen konzentriert? Die starken Regionen laufen von alleine.

Bucksteeg: Ausgeglichene wirtschaftliche Verhältnisse sind ein hehres Ziel, aber angesichts der leeren öffentlichen Kassen für die Wirtschaftsförderung nicht mehr erreichbar. Die Alternative zur Stärkung der starken Regionen ist nicht die Stärkung der Schwachen - sondern die schleichende Schwächung auch der Starken. Im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW reißt man gerade jetzt das Ruder herum: Man hat erkannt, dass es - anders als in Hessen, Baden-Württemberg und Bayern - keine international wirklich konkurrenzfähigen Top-Regionen gibt. Düsseldorf, im Zukunftsatlas 2004 der beste Standort in NRW, schafft es gerade einmal auf Rang 18 und liegt nur sechs Plätze vor Jena, dem besten ostdeutschen Standort. Das muss man sich mal vorstellen.

HB: Aber der von Ihnen propagierte Ansatz bedeutet auch, dass die Wirtschaftspolitik strukturschwache Regionen komplett abschreibt.

Bucksteeg: Das sehe ich aus drei Gründen anders. Erstens muss das Ausgleichspostulat natürlich in bestimmten Bereichen weiterhin gelten - vor allem in Bezug auf die Bildung und die Infrastruktur. Man darf aber nicht versuchen, damit Arbeitsplätze und Investitionen steuern zu wollen. Zweitens ziehen die starken Wachstumskerne nach und nach das Umland mit sich, wie die Beispiele aus Bayern und Baden-Württemberg zeigen. Und drittens können ländliche Regionen für sich eine Zukunftsperspektive entwickeln, indem sie ihre Rolle in Bezug auf die Wachstumszentren definieren und sich als ökologischer und sozialer Rückzugsraum positionieren. Nur muss die Politik akzeptieren, dass der Versuch, aus einer altindustriellen Region aus dem Stand ein High- Tech-Lifescience-Zentrum zu machen, zum Scheitern verurteilt ist.

HB: Gilt nicht bei der Standortpolitik generell: Weniger Staat ist immer besser?

Bucksteeg: Ich kenne keine Beispiele dafür, dass weniger staatliches Engagement bei der Wirtschaftsförderung automatisch zu höherem Wachstum führt. Umgekehrt gibt es viele Beispiele dafür, dass intelligente Förderung mehr Wachstum bringt. Eine Innovations- und Technologiepolitik, die sich auf die Schaffung und den Ausbau von Infrastruktur fokussiert - und damit meine ich nicht Straßen, sondern Bildung, Forschung und Gründungskapital -, ist notwendig, nutzbringend und ordnungspolitisch sauber. Sie übernimmt Aufgaben, die der Marktmechanismus nicht lösen kann.

Die Fragen stellte Olaf Storbeck.

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