Mazedonien - Mit dem friedlichen Nebeneinander ist es vorbei
Skopje unter Druck

BERLIN. Mazedonien hat stets als die stillste der fünf ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken gegolten. Als einzige gelang es ihr Ende 1991, die jugoslawische Föderation zu verlassen, ohne dass auch nur ein Schuss fiel. Und obwohl in Mazedonien mit einem Anteil von 22,9 % eine starke albanische Minderheit lebt, sind gewalttätige Konflikte bislang weitgehend ausgeblieben.

Allerdings existieren unübersehbare Konfliktlinien zwischen Albanern und der mazedonischen Mehrheit. So boykottierten die Albaner 1991 sowohl die Volkszählung wie auch das Referendum über die Unabhängigkeit. Die albanischen Abgeordneten verweigerten auch die Zustimmung zur mazedonischen Verfassung. Vielmehr strebten die Albaner nach "politischer und territorialer Autonomie" und hielten im Februar 1992 ein - von den staatlichen Behörden für illegal erklärtes - Referendum ab. Die mazedonische Regierung nahm diese Signale auf und integrierte Vertreter der albanischen Minderheit stärker in den staatlichen Apparat. In Tetovo, wo die Albaner die Mehrheit bilden, regieren sie auch im Rathaus.

Das mehr oder weniger friedliche Nebeneinander in Mazedonien glich historisch betrachtet einem kleinen Wunder. Denn die "mazedonische Frage" barg reichlich Sprengstoff für Konflikte und Expansionsgelüste. Zu wem Mazedonien eigentlich gehört - zu Bulgarien, Griechenland, Serbien oder Albanien -, war stets umstritten. Mal galten die Mazedonier als Westbulgaren, mal als Südserben, mal als slawophile Hellenen. Erst im jugoslawischen Verbund nach dem Zweiten Weltkrieg konnte sich Mazedonien erstmals als Nation definieren, wenngleich unter serbischer Dominanz.

Doch der Weg zur eigenen Nation, das "nation building", wird bis heute von den Nachbarn mit Argwohn begleitet. So konnte Skopje nach Intervention Athens nur als "Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien" 1993 in die Uno aufgenommen werden, da die Griechen für ihre eigene Region Mazedonien im Norden des Landes historisch ältere Rechte geltend machten. Und die albanische Universität in Tetovo wurde erst im Juli 2000 legalisiert, nachdem man in Skopje gereizt auf die jahrelange massive albanische Unterstützung für das Projekt reagiert hatte. Die Universität war im Dezember 1994 gegründet worden, nachdem die albanische Hochschule in Pristina (Kosovo) geschlossen worden war. Doch die Regierung Mazedoniens verweigerte ihr die Anerkennung, das Parlament rang sich im vergangenen Jahr nur dazu durch, die Uni als privates Institut zuzulassen.

Nachhaltig verändert und belastet hat das Zusammenleben von Mazedoniern und Albanern aber erst der Kosovokrieg. In Skopje wächst seither die Angst, die Albaner könnten nach der Bildung des faktischen Nato-Protektorats im Kosovo die Einheit aller Albaner anstreben. Ein Groß-Albanien würde für Skopje eine direkte Bedrohung darstellen, da das albanische Siedlungsgebiet direkt zwischen die Pole Tirana und Pristina reicht. Schon jetzt ist die Zahl der Albaner in Mazedonien bedingt durch Flüchtlinge aus dem Kosovo deutlich gewachsen: Von den mehr als 2 Mill. Menschen in Mazedonien zählt knapp jeder Dritte zur albanischen Minderheit.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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