Mecklenburg-Vorpommern investiert 268 000 Euro
Ostdeutschland: Erste Rückholagentur für abgewanderte Fachkräfte

Mecklenburg-Vorpommern blutet aus. Allein im vergangenen Jahr verließen fast 9 500 der noch knapp 1,8 Millionen Bürger den strukturschwachen Nordosten - der jährliche Aderlass ist doppelt so hoch wie während der großen Auswanderungswelle nach Amerika Mitte des 19. Jahrhunderts.

DÜSSELDORF. Doch die rot-rote Landesregierung gibt trotz einer Arbeitslosenquote von 17,3 % und eines Rückgangs des Bruttoinlandsprodukts um 2,1 % im ersten Halbjahr 2001 nicht auf. Mit jährlich 268 000 Euro fördert sie die bundesweit erste "Rückholagentur", die kürzlich in Schwerin die Arbeit aufnahm. Das Ziel: Hoch qualifizierte Abwanderer sollen durch ein individuelles Betreuungsangebot wieder ins Land gelockt werden, um dem langfristig drohenden Fachkräftemangel zu begegnen. Denn in einigen Jahren wird der Andrang geburtenstarker Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt vorbei sein. Vor allem gut ausgebildete Arbeitskräfte kehren dem Land den Rücken, unter ihnen jährlich rund 3 500 junge Menschen zwischen 20 und 25 Jahren.

Das Engagement der Landespolitiker, die Abwanderer zur Rückkehr zu bewegen, ist groß. Allerdings passt es nicht ganz ins Bild, dass Finanzministerin Sigrid Keler (SPD) kürzlich auf die finanzielle "Mobilitätshilfen" der Arbeitsämter hinwies und den Nachwuchs ermunterte: "Suchen Sie sich außerhalb der Landesgrenze einen Job." Doch Arbeitsminister Helmut Holter (PDS), der das Geld für die Rückholagentur aus seinem Etat bereitstellt, appelliert unermüdlich an die Mobilität der Nachwuchskräfte in umgekehrte Richtung. Seine Bemühungen tragen erste, wenn auch bescheidene Früchte: "Bei uns haben sich schon 60 Interessenten gemeldet", sagt Projektleiterin Lilli Ullrich.

Die internetgestützte Rückholagentur "Mecklenburg-Vorpommern für dich" (www.mv4you) informiere kostenlos über offene Stellen, Förderprogramme und Möglichkeiten der Existenzgründung. Außerdem werden den Abgewanderten Nachrichten aus ihren Heimatstädten übermittelt, von neuen Freizeitangeboten bis zu den Spielergebnissen der lokalen Fußballvereine. "Wir appellieren an das Heimweh", sagt Ullrich.

Sachsen-Anhalt ist auch an dem Projekt interessiert

Ob mit diesem Appell aber tatsächlich wie geplant bis zu zehn Prozent der Abgewanderten zurück ins Land an der Ostsee geholt werden können? Die Schweriner Industrie- und Handelskammer spricht von einem "sehr ehrgeizigen Ziel", und selbst das Arbeitsministerium räumt ein, die Zielvorgabe sei "nur so über den Daumen gepeilt". In jedem Fall sei die Agentur aber ein innovatives Projekt, für das sich inzwischen auch Sachsen-Anhalt interessiere.

Die Vereinigung der Unternehmensverbände Mecklenburg-Vorpommern sieht das ähnlich - will das Rückholziel der Agentur aber im Sinne der Finanzministerin durch einen "Fortschick"-Aspekt erweitern. "Die jungen Leute sollen zunächst dort hingehen, wo es Arbeit gibt", sagt Lothar Wilken vom Unternehmerverband. Deshalb müsse die Schweriner Agentur auch offene Stellen in Schleswig-Holstein und Hamburg anbieten. Wilkens Kalkül: Die Abwanderer wären nicht weit entfernt von der Heimat und könnten ohne großen Aufwand zurückkommen, wenn es eines Tages im Nordosten genug qualifizierte Jobs geben sollte.

Nur CDU-Oppositionschef Eckhardt Rehberg hält das Projekt für "ein absolutes Armutszeugnis rot-roter Arbeitsmarktpolitik". Wer außerhalb Mecklenburg-Vorpommerns erst einmal beruflich Fuß gefasst habe, der bleibe in der Regel auch dort. Deshalb seien die 268 000 Euro "rausgeworfenes Geld", sagte Rehberg dem Handelsblatt. Der Aderlass werde so lange andauern, wie SPD und PDS an der Regierung blieben: "Unter dieser Regierung kommt kein neuer Großinvestor ins Land." Rot-Rot habe schließlich nicht nur in der Wirtschaft, sondern selbst bei der rot-grünen Bundesregierung keine Lobby."

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