Medien: Big Brother für Arbeitslose

Medien
Big Brother für Arbeitslose

Im thüringischen Artern lässt der MDR tristen Alltag filmen. Die Kleinstädter vor der Kamera sollen dem Sender Quote bringen - und Artern Investoren.

Im "Jobclub U 25" riecht es nach Kaffee und Reinigungsmitteln. Bei fahlem Neonlicht hocken Jugendliche morgens um acht gekrümmt vor Computer-Bildschirmen und suchen nach Stellenangeboten. Das lachende Gesicht im Logo des Clubs, das Besucher auf der gläsernen Eingangstür begrüßt, scheint irgendwie fehl am Platz. "Bevor die aus uns eine Show machen, sollen die erstmal Arbeit herschaffen", mault Heino Dörr. 27 Jahre alt ist der gelernte Metalldreher - und schon seit 1996 auf der Suche nach einer festen Stelle.

Willkommen in Artern. 6 800 Einwohner, 25 Prozent Arbeitslosigkeit, wenig Aussicht auf Besserung: Wenigen Kommunen in Deutschland geht es so schlecht wie dem Städtchen im ärmsten Winkel Thüringens nahe am Kyffhäuser-Gebirge. Die Einwohnerzahl sinkt pro Jahr um gut ein Prozent. In der ehemaligen Salz- und Maschinenbau-Stadt will kaum ein Jugendlicher bleiben. Wenn es Arbeit gibt, dann irgendwo an Rhein oder Isar.

Aber jetzt bekommt ausgerechnet Artern eine Hauptrolle im Show-Business: Die Big-Brother-Firma Endemol produziert hier eine Arbeitslosenshow, die erste im deutschen Fernsehen. Am Donnerstag um 19.50 Uhr geht im MDR "Artern - Stadt der Träume" auf Sendung. Seit zwei Wochen wird gedreht: Leben und Hoffen im Kyffhäuserkreis: Doku-Soap nennen die Fernsehmacher so etwas.

Ähnlich wie Heino Dörr sind jedoch nicht alle Einwohner glücklich, dass die Republik bald auf Artern schaut. Der Koch Joachim Zeddel, 54, der die Endemol-Crew abends häufig mit Klößen, Wildgulasch und Kasseler versorgt, findet den Medientrubel im Ort so überflüssig wie alles, was aus dem Westen kommt: "Auch unser Elend hat Unterhaltungswert. Wenn die Quote nicht stimmt, wird die Chose eben wieder abgesetzt." Die Hoffnungslosigkeit aber bliebe. Viele Wohnungen stehen leer, aus den Häusermauern bröckeln Ziegelsteine. Immerhin, ein abgeblättertes Kino gibt es noch und zwei Hotels, die seit vergangenem Sommer regelmäßig Endemol - Mitarbeiter beherbergen.

Das Fernsehen bringt Geld, und es bringt Abwechslung. Auch deshalb gibt es Arterner, die der ersten Folge "ihrer" Show entgegenfiebern. Abends an der Theke stoßen der Wirt und seine Stammgäste mit einem Glas Schwarzbier auf die "Hauptdarsteller" an: Jörg Neubauer, Bademeister des Soleschwimmbads, und Klaus Schmölling, Stadt-Chronist. Die beiden Männer führen die Zuschauer durch ihr Leben, das in der Hauptsache aus Senioren-Ringen im Club der "Alten Herren" und Operetten-Hören besteht. Auch der bis vor kurzem arbeitslose Mario Voeltz, 35, und sein neuer Tattoo-Shop spielen eine Rolle. Welch ein Zufall, dass Mario sein Geschäft direkt um die Ecke der Endemol-Niederlassung eröffnet hat.

Um Artern nicht abrupt aus der Schläfrigkeit zu reißen, will Endemol bei den Dreharbeiten jedoch lieber keinen Pressetrubel vor Ort - Besuchersperre zu Gunsten von Authentizität. Stattdessen werden streunende Journalisten in das Endemol-Büro geordert: "Hallo Sie, - wollen Sie nicht mit dem Produzenten reden?" Die Pressesprecherin der Fernsehproduktionsfirma lehnt sich weit aus dem Fenster in die kalte, nach Kohle riechende Winterluft. Ein paar Meter entfernt recken ein paar ältere Frauen und Männer vor der benachbarten Praxis für Krankengymnastik die Hälse.

In den letzten Tagen sind ein Dutzend Medienleute über das Arterner Kopfsteinpflaster gestolpert. Manche von ihnen haben sogar kleine Kameras an den Straßenlaternen montiert und die Arterner befragt, wie sie es finden, von den "Big Brother"-Erfindern bald auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden. Endemol finde solche Maschen fies, sagt die junge Pressefrau. Sie pendelt zwischen Köln und Artern. Endemol hat schließlich auch noch die vierte Staffel der Reality-Show "Big Brother" für RTL 2 in Arbeit, die Ende März auf Sendung gehen soll.

Für die Tochterfirma des spanischen Telefonkonzerns Téléfonica, die im Vorstand den legendären Produzenten und Namensgeber John de Mol beschäftigt, ist der Schritt in die neuen Bundesländer wie eine Katharsis. Mit der Serie über die Menschen in dem verarmten Städtchen zwischen Erfurt und Leipzig haben sich die Spaßvögel vom Dienst einen Sozialfall aufgebürdet. Aber Endemol-Chef Borris Brandt schreibt in einem Brief an Journalisten: "Wir waren uns sicher, dass man die Kraft der Medien nutzen kann, um langfristig etwas Gutes zu tun."

Mit mehr Informationsgehalt und "Socialtainment"- so der Fachbegriff für das, was Artern in Aufregung versetzt - will sich die Firma auch bei kleineren öffentlich-rechtlichen Sendern durchsetzen. Denn die von Endemol produzierte Show "Risiko" für das ZDF ist ausgelaufen. Andere Serienproduktionen für die ARD sind erst einmal nicht in Sicht. Immerhin ist das Projekt Artern beim MDR nach langen Diskussionen durchgewunken worden - mit einem "überschaubaren Etat", sagt MDR-Fernsehdirektor Wolfgang Vietze. "Danke, dass Endemol mitgezogen hat!"

Beflissene Medienwächter wie Bernd Gäbler, Chef des Adolf-Grimme- Instituts, sind vom Aufbau Ost mit Endemols Hilfe überzeugt: "Mit Häme läge man falsch", schreibt Gäbler in seiner neuen Fernsehnachlese. Ob die Macht des Fernsehens allerdings ausreicht, neue Arbeitgeber nach Artern zu locken, ist ungewiss. "Zuerst braucht die Stadt ein wirtschaftlich orientiertes Konzept für Investoren, dann macht Marketing im Fernsehen Sinn", meint Thomas Heuser, Experte für Regionalentwicklung, dessen Dr. Heuser AG schon Problemstädten wie Wolfsburg auf die Beine geholfen hat.

Im Arterner Rathaus pfeift Bürgermeister Wolfgang Koenen derweil auf Konzepte. Der PDS-Mann kämpft mit den letzten Mitteln um Arbeitsplätze und Investoren. "Vor eineinhalb Jahren hätte ich mir eine Zusammenarbeit mit Endemol nicht vorstellen können", sagt der frühere Finanzbeamte und zündet sich eine Zigarette an: "Aber wir sind im Kapitalismus angekommen."

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