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Geklonte Stars

Nach den Chart-Erfolgen der "No Angels" will sich jetzt auch RTL einen singenden Superstar züchten: in Deutschlands größtem Talentschuppen. Für Bertelsmann ist es vielleicht die letzte Chance, die schwache Musiksparte zu sanieren.

Das Mädchen mit dem goldenen Nasenring und den braunen Locken trägt die Startnummer 3 916. Sie steckt in einer engen, braunen Hose und einem noch engeren roten Top und hat soeben im Kölner Hilton einige Strophen bekannter Disco-Schlager gesungen. Zumindest hat sie es versucht. Jetzt wartet sie auf das Urteil der Jury, ob sie die erste Runde in Deutschlands größtem Talentschuppen übersteht oder ob ihre Träume von einer großen Gesangskarriere platzen. "Dir fehlt was, es hört sich irgendwie gefühllos an, aber dafür hat deine Stimme Power, und du siehst echt gut aus", urteilt das Jury-Mitglied Dieter Bohlen milde und reckt den Daumen Richtung Decke. Worauf Startnummer 3 916 kreischt: "Wow, das hätte ich nie gedacht, dass Dieter Bohlen zu mir sagt: ,Du siehst gut aus?."

Dank ihrer guten Figur hat sie es geschafft: Ihr ist der Einzug in die Endrunde von Deutschlands größtem Casting-Spektakel aller Zeiten gelungen. Das zeigt RTL ab morgen jeden Samstagabend unter dem Titel: "Deutschland sucht den Superstar". In 15 Shows, moderiert von Michelle Hunziker, Ex-Model und Ex-Frau des Schnulzensängers Eros Ramazzotti, und Soap-Darsteller Carsten Spengemann, wetteifern 10 000 Bewerber um einen Plattenvertrag der Bertelsmann Music Group (BMG) und damit um die Eintrittskarte in den Pophimmel.

Für die Gütersloher beginnt mit der durchgestylten Talentsichtung eine neue Zeitrechnung. Bertelsmann-Chef Gunter Thielen beschreibt sie so: "Ich bin mir sicher, dass sich mit TV-Formaten wie ,Deutschland sucht den Superstar? künftig zwischen Fernsehen und Musikgeschäft ganz besondere Synergieeffekte erzielen lassen, die zu erheblichen Erlössteigerungen führen werden."

Was mit dieser Art Showformat tatsächlich möglich werden kann, zeigt ein Blick ins Ausland: In England sahen fast 14 Millionen im Februar das große Finale, Sieger Will Young verkaufte in der ersten Woche von "Anything is possible" 1,2 Millionen Singles. Auch in den USA lief die Show und vor allem die Vermarktung danach gut. Der texanischen Kellnerin Kelly Clarkson gelang es in den ersten Tagen nach ihrer Kür zum "American Idol", mehr als 200 000 Stück ihrer Single "A Moment like this" unters Volk zu bringen.

An all das hat womöglich auch Konzernchef Thielen gedacht, als er davon sprach, dass "uns unser Musik-Geschäft große Sorgen macht", es mit Hilfe des Fernsehens aber gelingen könnte, endlich "wieder schöne Erfolge zu erzielen". Und so haben die Gütersloher nun eben die Chance ergriffen, nahezu die gesamte Wertschöpfungskette bei der Geburt eines neuen Stars selbst abzudecken: vom Erwerb eines Teils der Showlizenz über die Produktion und die Ausstrahlung auf den eigenen Sendern bis hin in die Regale der Plattenläden.

Crossmediale Vermarktung nennt sich das schon seit längerem in der Branche, für Bertelsmann kommt es in dieser Konsequenz indes einer Premiere gleich, deren Gelingen völlig offen erscheint.

Die Akteure: ein paar Tausend hungrige Teens, die der Traum eint, wie Robbie Williams oder Victoria Beckham zu werden. Woche für Woche werden die Fortschritte gezeigt: vom Casting nach dem Wer-kommt-durch-Prinzip bis hin zum ersten Hit. Sollten sich die Plattenerfolge nicht schnell genug einstellen, dann muss eben mit einigen Auftritten in der beliebten RTL-Musiksendung "Top of the Pops" nachgeholfen werden; womöglich wird auch noch eine begleitende Zeitschrift aufgelegt.

Und dann ist da ja noch das aufregende Leben des neuen Stars. Die Kamera begleitet ihn nicht nur auf dem Weg in die Charts, sondern wenn möglich auch ins Schlafzimmer, aus dem der konzerneigene Sender Vox oder die RTL-Magazine "Exklusiv" und "Explosiv" hübsche Homestories erzählen werden.

Das alles erinnert stark an einen schlichten Aufguss der Sendung "Pop Stars", die einst bei RTL II lief und mit dem Klonen der Mädchenband "No Angels" ihren Höhepunkt fand. Die stürmten tatsächlich die Hitlisten - allerdings ausgerüstet mit Verträgen der Bertelsmann-Konkurrenz, weil im Hause RTL damals offenbar noch niemand an mögliche Kassenrekorde mit Platten dachte. Auch die Quoten im Fernsehen waren bei den 14- bis 29-Jährigen ordentlich. Das gilt aber schon nicht mehr für die Zielgruppe der bis 49-Jährigen, die RTL im Sinn hat, weil für sie sich die Werbewirtschaft besonders interessiert.

Hinzu kommt: Selbst das junge Publikum wollte schon die RTL-II-Nachfolgesendung "Teen Stars" kaum noch sehen, das Format hatte sich ziemlich schnell abgenutzt. Der Programm-Spezialist Manfred Auer aus Bonn sieht denn auch die Gefahr, "dass sich die Zuschauer angesichts der Ähnlichkeit zu ,Pop Stars? schnell langweilen, mit womöglich fatalen Folgen für Quote, Werbeeinnahmen und die spätere Vermarktung im Musikgeschäft".

Gedanken, die RTL-Managern offenbar derzeit auch durch den Kopf gehen. Ein Mitarbeiter erzählt jedenfalls: "Die in der Chefetage sind derzeit ziemlich nervös, die schwitzen genauso wie die Kandidaten beim Casting."

Kein Wunder, trägt die RTL-Gruppe doch mit dem neuen Verwertungskonzept nahezu alleine das unternehmerische Risiko. Und muss, selbst bei schwachen Quoten und wegbrechenden Werbeeinnahmen, wohl mindestens 150 000 Euro pro Sendung an Spice-Girls-Erfinder Simon Fuller überweisen, der die Idee zu der Show hatte und zusammen mit der RTL-Tochter Fremantle Media die Lizenzrechte hält. Bei RTL will man sich nicht äußern. Nur so viel: "Das sind Branchengerüchte."

Zweifel am Erfolg der Sendung beseitigen RTL-Sprecher lieber mit immer neuen Wasserstandsmeldungen aus dem Ausland, wie "erfolgreichste Unterhaltungsshow aller Zeiten", und neuen Superlativen aus Deutschland: "Wir haben hier die besten Moderatoren."

Damit ist wohl vor allem Michelle Hunziker gemeint, die gerade in einem Interview das Kompliment indirekt an RTL zurückgab: "In Deutschland werden Frauen im Fernsehen so ernst genommen wie Männer". In Italien sei es dagegen für eine Frau sehr viel schwieriger, sich durchzusetzen. "Die Italiener wollen vor allem ein Riesendekolleté."

Und die Deutschen? Das Magazin "Max" druckt in seiner aktuellen Ausgabe jedenfalls ein paar Nacktfotos der Italo-Schweizerin und schreibt eine Story über ihr Leben ohne Eros - aber kaum ein Wort über die neue RTL-Show.

Peter Brors
Peter Brors
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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