Medien im Irak
Zeitungsboom im Zweistromland

Iraks Medien erleben seit dem Sturz Saddams einen rasanten Umbruch. Ständig entstehen in dem Land neue Printprodukte.

Rote Gardinen, ein grüner Schreibtisch und ein Spiegel in Herzform mit Blumen - das ist das Reich von Israa Shakir. Die 27-Jährige ist Gründerin, Herausgeberin, Besitzerin und Chefredakteurin von "Al-Iraq Al-Yoom" (Irak heute) - und eine der wenigen Frauen an der Spitze irakischer Medien. Zehn Tage nach dem Fall Bagdads, am 19. April, hat sie ihr Wochenblatt gegründet. Mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren ist Al-Iraq Al-Yoom die erfolgreichste Zeitung im Irak. "Und meine Verkäufer verlangen immer mehr Exemplare", berichtet Shakir stolz.

Dabei entstehen in Bagdad ständig neue Printprodukte: 110 Blätter gibt es allein in Iraks Hauptstadt. Der Markt ist noch so ungeordnet, dass sogar mehrere Zeitungen unter gleichem Namen erscheinen. Unter Saddam Hussein gab es 5 Tages- und 12 Wochenzeitungen. Diese Staatsorgane riss das Regime mit in den Tod. So auch "Aletihad" (Union), bei der Shakir einst Sekretärin war. "Kurz nach Kriegsbeginn dankte die Zeitungsführung ab und ernannte mich zur Chefredakteurin", erzählt die junge Zeitungsmacherin. "Nach Saddams Ende wollte ich dann als erste eine Zeitung gründen und lieh mir Geld. Danke Allah, dass es sich inzwischen rechnet."

12 bis 14 Zeitungen werden ihrer Meinung nach überleben. "Wenn die vielen kleinen Parteien eingehen, die heute jede mindestens eine Zeitung haben, sterben die Blätter mit ihnen. Auch nach Macht strebende Geschäftsleute werden aufgeben, wenn sie keinen Gewinn machen", glaubt Shakir.

Die Bagdader erfreuen sich der neuen Pressefreiheit, die vor allem Salz in die Wunden amerikanischer Aufbaufehler streut: "Früher musste ich 100 Exemplare am Tag verkaufen", erinnert sich Buchladen-Besitzer Nooh Al-Shamazi. "Heute werde ich problemlos 200 Stück los." An vielen neuen Gazetten störe ihn, dass sie mit Kriminalitäts-Berichten und Saddam-Skandalen Auflage machen wollen. "Da ständig der Strom ausfällt sind sie aber eine Alternative zum Fernsehen", meint Al-Shamazi zum Presseboom.

Fernsehsender gibt es sowieso nur wenige: Wer nicht nur zwischen dem "Information Network" - ein neuer Sender, der hauptsächlich amerikanische Propaganda ausstrahlt - und dem iranischen Sender "Al-Alam"-TV wählen will, legt sich eine - dereinst von Saddam verbotene - Satellitenschüssel zu. Sie finden reißenden Absatz.

Die neue Presseflut kommt den Besatzern nicht nur gelegen: Die Masse der Zeitungen ignoriert amerikanische Bitten, positiv über die USA und die Army zu berichten. In Najaf - wo rund 30 Titel auf 300 000 Einwohner kommen - kam es zu Verhaftungen, weil Zeitungen Angriffe auf Soldaten gerechtfertigt hatten.

Derweil hat der zurückgekehrte Exil-Iraker Saad Bazzaz alle Chancen, führender Medienmogul seiner alten Heimat zu werden. Der Journalist, der 1992 geflohen ist, verlegt in der zweitgrößten Stadt Basra eine professionelle Zeitung mit Vierfarbfotos und Lokalausgabe. Internationale Nachrichten kommen via Internet aus der Zentrale in London. Zudem hat "Azzaman", die ihre Auflage von jetzt 50 000 auf 250 000 steigern will, als erste eine Anzeigenabteilung. Nebenher plant der 51-Jährige eine Sportzeitung, ein Magazin, eine Literaturzeitschrift und einen 24-Stunden-Satellitenkanal.

Zeitungen gibt es viele, doch beim Handwerk besteht laut Ibrahim Nawar von Arab Press Freedom Watch Nachholbedarf. Die Journalisten müssten lernen: "was Meinungsfreiheit ist, objektiv zu berichten, Nachricht von Kommentar zu unterscheiden und zu begreifen, wie man überhaupt Geschichten schreibt." Die Schreiber aber haben Angst vor einer Rücknahme der Pressefreiheit nicht nur seitens der Amerikaner Druck kommt auch von radikalen Islamisten, denen Pluralismus und Meinungsfreiheit zuwider sind. Sorge, von einer möglichen schiitischen Regierung wieder an den Herd verdrängt zu werden, hat Chefredakteurin Shakir aber nicht: "Ich mache weiter. Selbst wenn es mich mein Leben kosten sollte."

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