Medien
Veto der Witwe

Leo Kirchs Springer-Paket verliert an Wert, weil Friede Springer die Hand draufhält. Eine fast endlose Geschichte aus der deutschen Medienlandschaft.

Eigentlich hätte es Commerzbanker Klaus-Peter Müller besser wissen müssen. Trotzdem ließ er sich noch am 8. Mai zum Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner durchstellen. Von Chef zu Chef: Ob über die Aufgabe der Vinkulierung der Springer-Aktien nicht doch zu reden sei? Döpfner reagierte empört: "Über diesen Punkt diskutieren wir nicht!"

Die Springer-Spitzenkraft gab ihm das sogar schriftlich. Entnervt reichte Müller das Verhandlungsmandat am vergangenen Freitag an den insolventen Medienunternehmer Leo Kirch zurück: Die Commerzbank an der Spitze eines Bankenkonsortiums wird nicht Kirchs 40,33-Prozent-Paket am Axel Springer Verlag kaufen.

Auf ein Spiel mit vinkulierten Namensaktien, deren Kauf und Verkauf stets unter dem Genehmigungsvorbehalt des Springer-Managements und Großaktionärin Friede Springer steht, wollte sich Müller nicht einlassen. Das Vetorecht der Witwe erweist sich als Wert vernichtender Stolperstein, der Kirchs Perle im Portfolio nach unten zieht.

Der Preis des besten Assets im Kirch-Konzern fällt rapide. Nur noch 870 Millionen Euro wollte das Konsortium um die Commerzbank am Ende für den Springer-Anteil hinblättern - falls die Vinkulierung aufgehoben wird. Kirch akzeptierte mit Grummeln. Dabei tönte ihm noch HypoVereinsbank-Chef Albrecht Schmidt im Ohr, der Anfang des Jahres 1,2 Milliarden Euro für das Springer-Paket geboten hatte.

Frau Springer stand im Weg

Allerdings in "einem anderen Umfeld", wie es aus der Bank heißt. Schmidt wollte "Kirch unter die Arme greifen", die Insolvenz verhindern. Schon damals, sagt ein HypoVereinsbanker, sei "Frau Springer schwierig und unkooperativ gewesen". Strategische Investoren, etwa die Essener WAZ-Gruppe, die bereit gewesen wäre, einen Preis über einer Milliarde Euro zu zahlen, lehnte die sanfte aber entschlossene Frau ab. "Die Verlage passen nicht zusammen."

Das Scheitern der Commerzbank bringt vor allem Werner Schmidt, Chef der Bayerischen Landesbank, in Not: Ein Teil seiner Kirch-Kredite ist nur nachrangig mit dem Aktienpaket des Springer-Verlags besichert. Den ersten Zugriff hat die Deutsche Bank - bis zur Höhe des an Kirch gegebenen Kredits von 720 Millionen Euro. Was bei einem Paketverkauf dann noch übrig bleibt, fällt den "Formel-1-Banken" BayernLB, J P Morgan und Lehman Brothers zu, die Kirchs Einstieg in den Rennsport finanziert hatten.

Noch Mitte April hatte der Landesbanker getönt, mit Geduld und Fachkunde die Kirch-Pleite unbeschadet zu überstehen. Jetzt bleiben nur zwei wenig attraktive Optionen: Er kauft das Springer-Paket gemeinsam mit den "Formel-1-Banken" und hofft auf eine mittelfristige Wertsteigerung an der Börse - oder er wartet, was übrig bleibt, sobald die Deutsche Bank das Paket veräußert.

Nicht nur bis Ende der Woche, sondern bis Mitte Juni hat Schmidt die Chance, sein Schicksal zusammen mit den zwei US-Investmentbanken in die eigenen Hände zu nehmen: So lange besteht eine Call-Option gegenüber der Deutschen Bank, das Springer-Paket zu erwerben. Noch diese Woche wollen sich Deutsche und Landesbank an einen Tisch setzen.

Die Wahl zwischen Pest und Cholera

Für den Bayern ist es die Wahl zwischen Pest und Cholera: Investoren für vinkulierte Aktien sind rar, ein schneller Verkauf der Aktien an einen oder wenige Interessenten ist unwahrscheinlich. "Springer wäre ein reiner Finanzinvestor ohne verlegerische Ambitionen die liebste Lösung", heißt es aus Verhandlungskreisen der Commerzbank.

Der Wunsch ist weltfremd: "Wer soll knapp eine Milliarde Euro bezahlen für einen schlecht verzinsten Teil an einem maroden Konzern, dessen Aktien nicht frei verkäuflich sind?", fragen Frankfurter Banker. Entsprechend ist die Stimmung bei der BayernLB. Die Londoner Europa-Zentralen von J P Morgan und Lehman Brothers, mit der Landesbank in einem Boot, haben sich innerlich schon damit abgefunden, ihre Kirch-Kredite größtenteils abzuschreiben.

Komfortabel ist allein die Situation der Deutschen Bank. Rolf-Ernst Breuer, bis zum 22. Mai noch offiziell Chef des Hauses, vertraute kürzlich der Springer-eigenen "Welt am Sonntag" an: "Wir müssen nichts wertberichtigen." Er weiß sich im Einklang mit den Interessen der Verlegerwitwe:

  • Ein stragischer Partner, wie es Leo Kirch war, wie es Erich Schumann von der WAZ-Gruppe gerne wäre, oder gar Rupert Murdoch, kommt nicht in Frage.
  • Die Aufhebung der Vinkulierung steht nicht zur Diskussion.
  • Eine breite Platzierung des Springer-Pakets an der Börse brächte Geld, ohne Einfluss zu rauben. Zudem könnte Friede Springer selbst weitere fünf Prozent übernehmen, um ihre Macht abzusichern.

Um diese Ziele durchzusetzen, ist Friede Springer sogar bereit, den Unternehmenswert durch ihre Manöver systematisch nach unten zu dirigieren. Denn, so flüstert man es sich im Berliner Hauptquartier zu, wenn der Aktienwert nach unten geht, sei das zwar für Kirch ein Problem, für Management und Hauptaktionärin aber günstig.

Ein hoher Aktienkurs, so heißt es, setzt das Management unter Renditedruck. Denn die Verlagsoberen haben es schwer genug. Der Verlag ist zum Sanierungsfall geworden. Erstmals in seiner Geschichte schrieb er vergangenes Jahr rote Zahlen. Der Aufsichtsrat musste den Verlust von 191 Millionen Euro noch um sieben weitere Millionen nach unten korrigieren. Eine Dividende fällt - zum ersten Mal - aus.

Besserung ist bei den miesen Marktverhältnissen nicht in Sicht. Außerdem wird der Verlag vermutlich auf von KirchMedia versprochene 767 Millionen Euro im Zuge der Insolvenz verzichten müssen. Aktionäre, die Spitzenpreise bezahlt haben und Spitzenrenditen erwarten, stören derzeit nur.

90 Prozent hält die Stiefgroßmutter

Die paradoxe Auslegung von Shareholdervalue käme Friede Springer gelegen, weil sie fünf Prozent der Aktien dazukaufen möchte - möglichst günstig. Die Aufstockung ihrer Anteile braucht Axel Springers fünfte Ehefrau, weil sie zusammen mit ihren Stiefenkeln Ariane und Axel Sven Springer nur eine dünne Mehrheit hält.

Das führte im vergangenen Juni schon zu Konflikten. Eigentlich hätte damals der Döpfner-Freund und Werbekaufmann Thomas Heilmann in den Springer-Aufsichtsrat einziehen sollen. Aber Enkel Axel Sven, dem der Einfluss des jungen Vorstandschefs unheimlich wurde, beanspruchte den Posten. Das Recht dazu hatte er. Denn er ist, wie seine Schwester Ariane, mit fünf Prozent an der Familienholding Axel Springer Gesellschaft für Publizistik beteiligt. Laut Gesellschaftervertrag steht ihm als direktem Nachfahren des Verlagsgründers ein Aufsichtsratsposten zu. Für seine Stiefgroßmutter war das zu viel der Mitsprache, immerhin hält sie 90 Prozent der Familien-Holding. Vorsorglich kündigte sie den Gesellschaftervertrag zum Jahreswechsel auf.

Zwar hat Friede Springer, die in einem hausinternen Rundschreiben darum bat, nicht "Verlegerin", sondern lieber "Verlegers-Witwe" genannt zu werden, durchaus Familiensinn, aber in Zukunft will sie über genügend eigene Anteile verfügen, um auch ohne den Enkel regieren zu können.

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