Medien
Wenn die Nachrichten sich überschlagen

Die BBC gilt als die Mutter des journalistischen Qualitätsfernsehens. Der Aufwand des Senders ist ungeheuer. In einem düsteren lichtlosen Londoner Großraumbüro laufen die Fäden zusammen - auch an diesem historischen Tag für den Irak.

Es ist mal wieder so ein Tag. Im Television Center der BBC in London liegt Geschichte in der Luft. Und während die ganze Welt den Atem anhält und gebannt auf den Fernsehschirm starrt, flitzen Mitarbeiter durch die Flure des größten britischen Senders. Auch Steve Williams ist am Morgen über den abgewetzten graublauen Teppichboden in sein Büro in Westlondon geeilt. In aller Herrgottsfrühe hatte ihn die BBC aus dem Bett geklingelt. Wegen der neuen Bilder aus Bagdad.

Seitdem kann Williams die unzähligen kleinen Monitore einfach nicht aus den Augen lassen. Heute ist er Chef der Nachrichtenzentrale von BBC World. Hier in dem düsteren, lichtlosen Großraumbüro laufen alle Fäden zusammen. Auf jedem Schreibtisch, an den Wänden, selbst in der Kaffeebar - überall um ihn herum flimmern die Bilder aus Bagdad. Tanzende Menschen, rollende Panzer, verlassene Paläste. Welchen Bildern kann man in diesem Krieg noch trauen? "Wir wissen noch nicht genau, was los ist", sagt ihr Chef Williams. Seine Devise an die Teams: Nur was doppelt geprüft oder bestätigt ist, geht auf Sendung.

Für die BBC geht es um sehr viel. Mit der Berichterstattung aus dem Irak-Krieg steht und fällt die Reputation des Senders. Das hat BBC-Boss Greg Dyke seinen Top-Leuten schon vor Monaten eingetrichtert. Und so entscheidet Steve Williams bei BBC World an diesem Vormittag, man dürfe noch nicht vom "Fall Bagdads" reden. Obwohl für den Journalisten längst klar ist: "Das ist ein historischer Moment."

Und genau um jene geht es an der Nachrichtenfront, vor allem bei dieser Kriegsberichterstattung. Wie stark die Macht der TV-Bilder ist, das bekommt der BBC-Mann wenig später zu spüren. Seit 9 Uhr zeigt sein Kanal auch Bilder des US-Senders CNN. Mit dem Erz-Rivalen habe man eine entsprechende Vereinbarung geschlossen, sagt Williams. "Solche Kamera-Pools gibt es oft, das macht aus Sicherheitsgründen, aber auch finanziell Sinn."

Doch plötzlich ist es mit dem medialen Schulterschluss zwischen Atlanta und London vorbei. Das Telefon von Williams klingelt. CNN verbiete die Ausstrahlung der Aufnahmen bei der BBC, wird ihm mitgeteilt. Jetzt muss der Nachrichtenchef blitzschnell entscheiden. Er nimmt erst einmal die CNN-Aufnahmen vom Sender, dann hängt er sich ans Telefon. Nach 20 Minuten sind die CNN-Bilder wieder auf allen BBC-Kanälen. CNN hat beigegeben, sagt er und lässt sich seufzend auf den Regiestuhl fallen: "Leider hat das mit Journalismus nichts zu tun."

Der gesamte BBC-Einsatz im Irak ist seit Monaten stabsplanmäßig vorbereitet worden. Wie bei CNN, CBS oder ARD und ZDF hat auch die BBC ganze Abteilungen zu speziellen Kursen geschickt, die sie fit gemacht haben für den Job im Krisengebiet. Und wie die BBC haben auch alle internationalen Nachrichtenstationen ihre Präsenz in der Golfregion ausgebaut wie noch nie zuvor. 200 Mitarbeiter sind allein für die BBC vor Ort, 50 Korrespondenten berichten seit Kriegsbeginn fast rund um die Uhr - im BBC-Radio, für die nationalen Top-Kanäle und beim internationalen TV-Netz von BBC World.

Für BBC World hat sich der Aufwand gelohnt. Der TV-Kanal von Williams hat in den vergangenen drei Monaten seine Reichweite auf weitere 68 Millionen Haushalte ausgedehnt - zu den bereits bestehenden 250 Millionen in 200 Ländern. Rund 20 Millionen Haushalte in Deutschland haben den Sender im Programm. "Deutschland ist für uns in Europa außerhalb Großbritanniens die wichtigste Region", sagt Williams. Während des Irak-Krieges seien die Zuschauerzahlen deutlich nach oben gegangen.

Noch immer genießt die BBC aus London weltweit die beste Reputation. Doch die "alte Tante BBC" - wie der Sender wegen seiner Behäbigkeit spöttisch in London genannt wird - hat zu kämpfen im neuen Wettbewerb. So hat der Sender diesmal stark auf eine relativ neue Art der Berichterstattung gesetzt, auf das Konzept der "Rolling News" - also auf Rund-um-die-Uhr- Berichte von der Front. Zudem fahren diesmal Journalisten mit den Truppen mit, worüber es innerhalb der BBC zu heftigen Diskussionen kam. Die Nähe zu den Militärs mache eine unabhängige Berichterstattung unmöglich, so die Kritiker.

Unter dem immensen Zeitdruck in der Zentrale sowie mit den "eingebetteten" Journalisten sei die Gefahr der nicht ganz sauberen Berichterstattung größer geworden, räumt Williams durchaus ein. Doch wenn man wie die BBC noch 50 eigene Reporter vor Ort habe, "kann diese Mischung ein realistisches Bild des Krieges geben", hält er dagegen.

Auch an diesem Vormittag, als das Regime in Bagdad kippt, wird jedoch auch das Dilemma dieser Dauerberichterstattung deutlich. Ermüdend lang zeigt die BBC Bilder von dem Platz im Zentrum Bagdads, auf dem die Menge versucht, eine Saddam-Statue zu stürzen. In der Not werden nicht nur interessante Interviewpartner live zugeschaltet, sondern auch ein US-Soldat, der per Handy eigentlich nichts zu sagen hat. "Sie klingen ein bisschen müde?" so der Versuch des BBC-Moderators, den Faden nicht zu verlieren. Langeweile pur statt Qualitätsjournalismus.

Richard Sambrook, quasi der "Herr aller Nachrichten" bei der BBC, sieht bereits Folgen für die Medienwelt durch die 24-Stunden-Sender. "Die Kriegsberichterstattung hat sich für immer gewandelt", sagt er. Livebilder von Sterbenden vor den Kriegskameras hält er bei der neuen Nähe der Journalisten zur Front für möglich. "Auch wenn ich hoffe, dass dies niemals geschehen wird."

Den enormen Druck der Sender, die Programme rund um die Uhr füllen zu müssen, haben für Williams vor allem die Regierungen erkannt. Noch nie sei in einem Krieg so pünktlich zur besten Sendezeit von den Militärs gebrieft worden. "Auch das irakische Regime hat das ganz clever zur Propaganda genutzt", so Williams Fazit.

An diesem Morgen tritt jedoch kein Informationsminister mehr vor die Kamera und erklärt, dass man den Feind USA besiegen werde. Irgendwann kippt dann auch die Saddam-Statue in Bagdad vom Podest.

"Das war?s", sagt Williams und gönnt sich die erste Pause des Tages. Er wird heute bis spät abends in der Nachrichtenzentrale bleiben. Das größte an seinem Job sei doch, "dabei zu sein, wenn Geschichte gemacht wird", sagt er und entschwindet in die Kantine. Auf seinem Monitor laufen die Bilder weiter. Längst spricht auch BBC World vom "Fall von Bagdad".

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%