Medienanstalten drohen mit Statusentzug
Privatsender geraten unter Beschuss

Die Landesmedienanstalten wollen eine weitere Verflachung des TV-Programms nicht länger hinnehmen. Kleineren Vollprogrammen wie RTL II und Kabel 1 drohen sie mit der Degradierung zum Spartenprogramm, nachdem eine Programmstudie Defizite beim Informationsanteil offenbart hatte. Besonders in die Kritik geraten ist der Sender RTL II, Teil der RTL-Senderfamilie, der mit Sendungen über Menschen in Containern einen Gewinnsprung und stark steigende Quoten verbuchen konnte. Eine Erhebung der Universität Dortmund zeigt unterdessen, dass Sender auf einen Marktanteil von mindestens 3,9 Prozent kommen müssen, um profitabel arbeiten zu können.

DÜSSELDORF. Die Landesmedienanstalten halten daran fest, privaten Fernsehsendern, die in ihrem Programm kein ausreichendes Informationsangebot aufweisen, zu Spartensendern herabstufen zu wollen. Nach den Worten von Peter Widlok, Pressesprecher der Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen (lfr), werden die Privatsender in den nächsten Tagen schriftlich über die Befunde einer Studie im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten (ALM) unterrichtet.

Zunächst gehe es darum, mit den Programmverantwortlichen ins Gespräch zu kommen, sagte Widlok. Die Studie der GoefaK Medienforschung, die bereits vergangene Woche präsentiert worden war, kommt zu dem Schluss, dass der Informations-Anteil in den Fernsehprogrammen insgesamt rückläufig ist. In den kleineren Vollprogrammen wie RTL II oder Kabel 1 spielen Nachrichten demnach kaum noch eine Rolle. So widmete RTL II beispielsweise im Frühjahr diesen Jahres nur noch 0,1 Prozent der Sendezeit politischen Beiträgen. 1998 waren es immerhin noch 0,6 Prozent gewesen.

Die Ergebnisse der Studie im Überblick
"Bei diesen Informationsanteilen ist der Begriff Vollprogramm nicht mehr zutreffend", sagte Widlok. Sollten einzelne Sender zu Spartenprogrammen erklärt werden, verlören sie "einige Privilegien".
Nachteilig auswirken könnte sich der Status vor allem bei der Kabelbelegung. So könnte RTL II beispielsweise der Zugang zum Kabel verwehrt werden, sollte ein anderer Spartensender die Landesmedienanstalten eher für sich einnehmen. Für RTL II ist nach Widloks Worten die Kategorie "Spartenprogramm mit Schwerpunkt Unterhaltung" im Gespräch.

Prestige- und Einnahmeverluste drohen

Neben möglichen Reichweitenverlusten drohen den Vollprogrammen mit dem kleinen Informationsanteil im Falle einer Neubewertung auch niedrigere Erlöse im Werbezeitenverkauf. Claudia König, TV-Expertin bei der Media-Agentur Thomas Koch in Düsseldorf, sagte Handelsblatt.com, eine Degradierung zum Spartenprogramm sei für die Sender in jedem Fall ein Prestigeverlust. "Den Kunden ist der Status aber egal, so lange das Programm so bleibt, wie es ist. Sollte es aber zu Reichweitenverlusten durch eine neue Kabelbelegung kommen, müsste neu kalkuliert werden."

Brancheninsider bezweifeln allerdings, dass es dazu kommen wird. "Ich vermute eher, dass die Initiative der Landesmedienanstalten mit einem Kompromiss enden wird", meint etwa Hans Paukens, Geschäftsführer des Adolf Grimme Instituts in Marl. Bislang gebe es nicht einmal einheitliche Mindeststandards für ein Vollprogramm. "Wichtiger als ein langwieriges Verwaltungsgerichtsverfahren wäre eine öffentliche Debatte über die Qualität der Programme", sagte Paukens im Gespräch mit Handelsblatt.com. "Wenn die Landesmedienanstalten eine solche Diskussion anstoßen, ist schon viel gewonnen." Die Erfahrung mit vergleichbaren Inititiativen in der Vergangenheit habe aber gezeigt, dass Standortpolitik meist die Oberhand über die Bedenken der Medienkontrolleure gewonnen habe.

Unbeeindruckt gab sich am Montag der Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT). Nach den Worten von Pressesprecherin Susan Zahraii-Hassani wird die Studie zurzeit geprüft. Mit gravierenden Konsequenzen rechne sie nicht.

Weiter Weg zur Profitabilität

Die kleineren Vollprogramme hatten erst mit einiger Verzögerung den Sprung in die Profitabilität gemeistert. Bei RTL II brachte die Ausstrahlung der umstrittenen Container-Show "Big Brother" den Durchbruch. Im kommenden Jahr rechnet der Sender mit einem Umsatz von einer Milliarde DM.

Die Ausrichtung auf massenwirksame Formate ging bei den Sendern nicht selten zu Lasten von Informationsprogrammen. So verlegte Kabel 1 Anfang Mai seine Hauptinformationssendung von der Primetime, also der wichtigsten Programmzeit am Abend, auf 17:15 Uhr. Trotz der derzeitigen Debatte denke bei dem Sender, der zur Prosieben-Sat1-TV-Familie zählt, derzeit niemand daran, die Änderung rückgängig zu machen, sagte eine Sprecherin auf Anfrage.

Unabhängige haben auf deutschem Markt keine Chancen

Einer Studie der Universität Dortmund zufolge müssen Vollprogramme in Deutschland mindestens einen Marktanteil von 3,9 Prozent erzielen, um kostendeckend zu arbeiten. In einer "Break-even-Analyse" ermittelte der Wirtschaftswissenschaftler Armin Rott, dass auf dem deutschen Markt die Werbe-Einnahmen oftmals nicht zur Finanzierung des Programms kleiner Sender ausreichen.

In der Analyse "Mindestmarktanteile werbefinanzierter Fernsehsender in Deutschland", bei der die Quersubventionierung über Senderfamilien nicht berücksichtigt wurde, ermittelte Rott einen Mindestmarktanteil von 3,9 Prozent bei den 14 bis 49-jährigen Zuschauern als Untergrenze. Neueinsteiger könnten diese Markteintrittsbarrieren nur mit immensen Aufwendungen überwinden.

Als Beispiel wird der Nischensender tm3 zitiert, der seinen Marktanteil durch den Erwerb der Rechte an der Champions-League für 220 Mill. DM nur kurzfristig um fast einen Prozentpunkt steigern konnte.
Ein höherer Marktanteil zahlt sich laut der Studie bei den Sendern sehr unterschiedlich aus. "In der Tendenz lässt sich festhalten, dass größere Sender (gemessen am Erfolg auf dem Zuschauermarkt) zusätzliche Zuschauermarktanteilspunkte in mehr Marktanteilspunkte auf dem Werbemarkt ?übersetzen? als kleinere Sender", heißt es in der Studie. Mit nennenswerten Werbeerlösen sei erst ab einem Mindestzuschauermarktanteil zu rechnen, den beispielsweise Ballungsraumfernsehsender regelmäßig nicht erreichten.

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