Medienexperte warnt
Weitere Verflachung der Börsenberichte befürchtet

Der Medienwissenschaftler Klaus Kreimeier befürchtet eine weitere Verflachtung der Berichterstattung in den Medien über das Börsengeschehen. Die Berichterstattung über die so genannte New Economy werde wegen ihrer "starken technischen und wirtschaftlichen Dynamik" wahrscheinlich sogar noch schwieriger, sagte Kreimeier. In diesem Wirtschaftssektor seien mehrere "Beschleunigungsfaktoren im Spiel", die es den Journalisten weiter erschwerten, die ökonomischen Zusammenhänge zu durchschauen.

adx KÖLN. "Es fehlt also zunehmend die Zeit zum Verstehen", betonte Kreimeier, der den Medienstudiengang an der Universität Siegen leitet. Journalisten könnten die komplizierten Vorgänge im Aktienhandel aber nur anschaulich darstellen, wenn sie diese auch verständen hätten. Der Medienexperte verwies darauf, dass die Neue Ökonomie selbst für Wirtschaftswissenschaftler nur schwer rational zu beschreiben sei. Es spielten dabei "viele psychologische Faktoren und Emotionen eine Rolle, die mit wissenschaftlichen Methoden nicht kalkuliert werden können."

Kreimeier gab auf einer Veranstaltung der Dokumentarfilm-Initiative des Filmbüros Nordrhein-Westfalen im Kölner Filmhaus zum Thema "New Economy - Die Farbe des Geldes" zu bedenken, dass das Fernsehen bei seinen Berichten über das Börsengeschehen gezwungen sei, zu vereinfachen. Eine verständliche mediale Darstellung bedeute nun einmal "Anschaulichkeit im Sinne der Verkürzung komplexer Sachverhalte auf Metaphern und Bilder".

Im dualen Fernsehsystem Deutschlands wird nach Ansicht Kreimeiers der Konkurrenzdruck in einer Weise wachsen, dass die klassische Berichterstattung mit Hintergrundinformationen einen immer schwereren Stand bekomme. Als Beispiel nannte er die ARD-Sendung "Börse im Ersten", die kurz vor der "Tagesschau" um 20 Uhr läuft. Diese biete zwar eine "unterhaltsame Darstellung der Fieberkurven an den Börsen", könne "die zugrundeliegenden Triebkräfte nicht erklären." Für die Analyse solcher Zusammenhänge benötigten die Medien "eine Breite, die im Fernsehen nicht vorhanden ist." Es zeichne sich daher eine Art Arbeitsteilung zwischen elektronischen Medien und Printmedien ab.

Skandale um Börsenjournalisten

Angesichts der jüngsten Skandale um Börsenjournalisten, die interessengeleitete Anlagetipps gegeben haben sollen, warnte der Medienwissenschaftler davor, dass die Medien in Gefahr geraten, zur Dynamisierung von Wirtschaft und Gesellschaft selber beizutragen. "Die Medien wirken zunehmend als Schallverstärker, die aus einem Flüstern ein Donnern machen", sagte Kreimeier. Dies zeige sich besonders deutlich an der Berichterstattung über Konkurse. "Firmenzusammenbrüche haben einen unglaublichen Entertainment-Charakter", betonte der Medienexperte.

Mit Blick auf die "dramatischen Bewegungen an den Börsen" im vergangenen Jahr sagte Kreimeier, es dränge sich der Verdacht auf, dass die inzwischen verflogene Aktieneuphorie erst eine "solche Fulminanz" erreicht habe, seit sich das Fernsehen dieses Themas angenommen habe. "Die tägliche Sportreportage von der Börse ist offenkundig beteiligt am Börsenfieber", fügte er hinzu. Diese neue Form der Medienöffentlichkeit erhöhe den Anreiz, am Börsenspiel zu teilzunehmen.

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