Medienkonzern erwartet nach dem Kauf von Zomba eine Verschuldung von 4 Mrd. Euro
Finanzmarkt kritisiert neuen Abschottungskurs bei Bertelsmann

Der neue Konzernchef Gunter Thielen ist bei Investmentbankern ein Unbekannter. Angesichts der schlechten Kommunikationspolitik glaubt die Branche nicht, dass Bertelsmann seine Anleihe von 1 Mrd. Euro wie geplant im Herbst am Markt unterbringen kann. Der Finanzmarkt rechnet mit weniger Transparenz bei Bertelsmann.

DÜSSELDORF Investmentbanker gehen davon aus, dass sich Bertelsmann nach dem Abgang Middelhoffs wieder stärker abschottet. Insgesamt zeichne sich das neue Führungsteam um Gunter Thielen im Gegensatz zum "Deal-Junkie" Middelhoff eher durch Zurückhaltung gegenüber dem internationalen Kapitalmarkt. Das gelte für den geplanten Börsengang aber auch für Fusionen und Übernahmen und wohl auch für zukünftige Anleihen.

Die Skepsis des Kapitalmarktes gegenüber Bertelsmann wächst. Durch den Rauswurf des Konzernchefs Thomas Middelhoff sehen Analysten den Kurs des Medienkonzerns zu mehr Transparenz gefährdet. In Finanzkreisen wird nicht mehr damit gerechnet, dass Bertelsmann eine Anleihe über eine Milliarde Euro wie geplant im Herbst platzieren wird. Bertelsmann hingegen hält weiter an der Anleihe fest, hieß es gestern in Gütersloh. "Die Anleihe ist nicht gescheitert", sagte ein Insider. Von einem Liquiditätsengpass bei Bertelsmann könne keine Rede sein, denn es gebe noch flüssige Mittel in Höhe zwei Milliarden Euro. Nach Schätzung der Ratingagentur Standard & Poor's. verfügt Bertelsmann auch ohne Emission der Anleihe über genügend Liquidität.

Ursprünglich hatte Bertelsmann seine Anleihe für Ende Juni geplant. Damit wollte der Konzern die Übernahme des amerikanischen Musiklabels Zomba, das unter anderem den Popstar Britney Spears unter Vertrag hat, finanzieren. "Das Gefühl im Markt für Unternehmensanleihen, insbesondere im Fall Bertelsmann, hat sich verändert. Während der Medienkonzern letztes Jahr noch ein exzellentes Image in der Öffentlichkeit genoss, mehren sich in den letzten Wochen deutlich die kritischen Stimmen.", erklärte Carmen Hummel, Analystin der Hypo-Vereinsbank. Bettina Deuscher von der Landesbank Baden-Württemberg kritisierte: "Es läuft bei der Kommunikation der Bertelsmann AG schlecht. Bis dato kam noch kein Signal, ob die Anleihe im Herbst überhaupt noch kommt."

Nach dem Abgang Middelhoffs liege das Projekt Börsengang erst einmal auf Eis, hieß es übereinstimmend bei mehreren Banken. In Finanzkreisen ist der neue Konzernchef Gunter Thielen, der bisher die profitable Druckereisparte Arvato leitete, ein Unbekannter. Ein Banker geht davon aus, dass Thielen den Konzern stärker auf Entertainment und Verlagsgeschäft ausrichten werden. Die noch von Middelhoff eingeleitete Trennung vom Wissenschaftsverlag Springer werde weiter verfolgt, hieß es in Bankenkreisen.

Die Roadshow, bei der Konzernvize und Finanzvorstand Siegfried Luther sowie die Finanzmanager Verena Volpert und Roger Schweitzer für die Emission der Anleihe im Juni geworben hatten, hinterließ wenig Begeisterung. "Die Fragen wurden nicht zur Zufriedenheit der Fragesteller beantwortet", sagte ein Teilnehmer nüchtern. Ursprünglich sollte die Anleihe mit einem Renditeaufschlag von etwa 1,55 Prozentpunkten über siebenjährigen Bundesanleihen begeben werden. Inzwischen verlangen Investoren Händlern zufolge einen um etwa einen Prozentpunkt höheren Risikoaufschlag Am 26. Juni - dem Tag an dem der Bilanzskandal von Worldcom bekannt wurde, legte der Medienkonzern die Emission auf Eis. Offiziell war dabei nicht von einer Verschiebung der Anleihe die Rede, sondern lediglich vom Abwarten auf Grund des "ungünstigen Marktumfelds". Aus Kreisen der bei der geplanten Emission federführenden Banken, J.P. Morgan, Dresdner Kleinwort Wasserstein und Deutsche Bank, hieß es dagegen, Anleger seien skeptisch geworden, weil Bertelsmann sich wenig transparent zeige.

Offenbar hielt sich auch die Begeisterung bei Bertelsmann in Grenzen. "Bei der Roadshow hatte sich Bertelsmann schon harte Fragen stellen lassen müssen. Wahrscheinlich hatte Reinhard Mohn einfach keine Lust mehr, noch weiter die Hosen runter zu lassen", sagte gestern ein Insider. Ursprünglich war von Middelhoff die Platzierung der Anleihe als Test für den ab 2005 geplanten Börsengang des Konzerns mit 20 Mrd. Euro geplant. "Reinhard Mohn agiert in Sachen Transparenz so wie Leo Kirch", hieß es in Bankenkreisen. Um den kurzfristigen Finanzbedarf zu decken wurde vor wenigen Wochen eine Anleihe von 200 Mill. Euro mit einer Laufzeit von drei Jahren bei privaten Investoren untergebracht. Medienanalysten befürchten angesichts der labilen Konjunktur und des schlechten Werbemarktes eine höhere Nettoverschuldung. Carmen Hummel von der Hypo-Vereinsbank sagt: "Die Verschuldung kann Bertelsmann angesichts der guten Bilanzverhältnisse durchaus verkraften. Aber wegen des schlechten Ertrags- und Cash-Flow-Situation ergibt sich ein negatives Bild." Bertelsmann erwartet bis Jahresende eine Nettoverschuldung von bis zu vier Mrd. Euro nach der Übernahme von Zomba.

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