Medienkonzern in der Nazi-Zeit größter Buchproduzent der Wehrmacht
Bertelsmann-Chef zeigt Reue

Bertelsmann hat als eines der ersten Medienunternehmen seine Geschichte während der Nazi-Zeit von unabhängigen Historikern untersuchen lassen. Das Ergebnis: Der Verlag veröffentlichte antisemitische Bücher und diente der Kriegspropaganda. Konzernchef Gunter Thielen äußerte nun sein Bedauern.

cbu MÜNCHEN. Gunter Thielen hatte es eilig. Wortlos verließ der neue Chef des Bertelsmann-Konzerns am Montag in München die Pressekonferenz zur Rolle des Verlags im Dritten Reich. Fragen wollte er nicht beantworten.

Saul Friedländer, der Vorsitzende der "Unabhängigen Historischen Kommission zur Erforschung der Geschichte des Hauses Bertelsmann im Dritten Reich", hatte dem Firmenchef kurz zuvor den 794 Seiten starken Abschlussbericht überreicht. Das Fazit ist ernüchternd: Der C. Bertelsmann-Verlag aus Gütersloh, bis dahin ein Verlag für christliche Literatur, hat nach den Worten Friedländers in der Nazi-Zeit antisemitische Belletristik in großem Stil verlegt und massive Kriegspropaganda betrieben. Im Zweiten Weltkrieg wurde Bertelsmann den Historikern zufolge mit 19 Millionen Exemplaren zum größten Buchproduzenten für die Wehrmacht. Nach Angaben von Kommissionsmitglied Reinhard Wittmann hat der Verlag dadurch "exorbitant hohe Kriegsgewinne" eingefahren.

Zudem prangerten die Experten eine jahrzehntelange Geschichtsklitterung im Hause Bertelsmann an. "Die Legende, C. Bertelsmann sei als Widerstandsverlag geschlossen worden, ist nicht aufrecht zu erhalten. Sie diente ab 1945 dazu, von den Besatzungsbehörden möglichst bald eine neue Verlagslizenz zu erhalten", lautet das Fazit der Kommission. Vielmehr habe 1944 ein Gerichtsverfahren wegen illegaler Beschaffung von Papier zu der teilweisen Schließung des Unternehmens beigetragen. Dabei durften aber lediglich keine neuen Bücher mehr verlegt werden. Laufende Projekte sowie die Druckproduktion wurden auch nach 1944 weiter geführt. Zwangsarbeiter seien direkt nicht beschäftigt worden. Allerdings seien in Druckereien bei Wilna und Riga, die Aufträge für Bertelsmann ausführten, möglicherweise jüdische Zwangsarbeiter eingesetzt worden.

Thielen äußerte sich nur in einer kurzen Ansprache vor der Überreichung des Berichts zu den Vorgängen. "Ich bedauere, dass die frühere Darstellung erhebliche Lücken und Fehler enthielt und dass wir mit dem historischen Erbe nicht sorgfältig genug umgegangen sind", sagte der Konzernchef. Bertelsmann akzeptiere den Bericht uneingeschränkt als die offizielle Darstellung der Geschichte des Unternehmens im Dritten Reich, hieß es. Friedländer bestätigte, dass der Verlag die Arbeit der Kommission voll unterstützt habe. Allerdings seien nur etwa 10 % der Quellen aus dem Unternehmen selbst gekommen. Der Rest wurde in über vierjähriger Arbeit in fremden Archiven erarbeitet.

Die Kommission war Ende 1998 unter anderem vom inzwischen abgelösten Konzernchef Thomas Middelhoff eingesetzt worden. Dieser hatte damals in den USA in einer Rede erklärt, Bertelsmann sei "eines der wenigen nicht-jüdischen Medienunternehmen gewesen, die vom Nazi-Regime geschlossen wurden". Dies löste heftige Diskussionen aus. Besonders in den USA, wo Bertelsmann den angesehenen Verlage Random House übernommen hatte, war die Nazi-Vergangenheit ein großes Thema.

Die Kommission beschäftigte sich insbesondere auch mit der Rolle des damaligen Firmenchefs Heinrich Mohn, der unter anderem förderndes Mitglied der SS war. Kommissionsmitglied Norbert Frei attestierte Mohn, dass er "unternehmerische Ziele über alle anderen Ziele stellte". Er sei von "irritierender Unbeeindrucktheit von der Katastrophe" gewesen. Das Verhalten resultiere auch aus der engen Verbindung von "protestantischer Glaubensfestigkeit und konservativer Staatsgesinnung". Direkte antisemitische Beweggründe seien nicht nachzuweisen.

Heinrich Mohn ist der Vaters des jetzigen Firmenpatriarchen Reinhard Mohn. Dieser stieg erst nach dem Krieg zum neuen Firmenchef auf. Inwieweit der Boom zu Kriegszeiten den Wiederaufstieg nach dem Krieg förderte, ist offen. Der 1835 in Gütersloh gegründeten Verlag zählt heute zu den größten Medienkonzernen der Welt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%