Medienkonzern meldet Insolvenz an
Kommentar: Kirchs Filmriss

Der Traumfilm ist gerissen. Der märchenhafte Aufstieg des Leo Kirch vom Filmhändler aus der fränkischen Provinz zu einem der mächtigsten Medienunternehmer in Europa ist mit dem Insolvenzantrag zu Ende gegangen.

Das Ende der Kirch Media und der Kirch-Pay-TV zertrümmert sein sagenhaftes Imperium von Sendern, Bezahlfernsehen, Filmproduktion, Rechtehandel und Zeitungsbeteiligungen. Die größte Pleite in der Geschichte der Bundesrepublik stellt eine Zäsur dar - sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Die von Regierungen geförderte Stabilität im deutschen TV-Markt im Dreieck ARD/ZDF, Bertelsmann und Kirch gehört der Vergangenheit an. Die Kirch-Pleite ist in allen Konsequenzen noch gar nicht überschaubar. Was wird aus dem Bezahlfernsehen? Wie geht es mit ehrgeizigen Filmprojekten weiter? Was wird aus dem Rechtehandel und aus den Bundesligavereinen?

Eines ist klar: Die Karten in Deutschland werden neu gemischt. Im Chinesischen gibt es ein einziges Schriftzeichen für Krise und Chance. Diese Dialektik gilt auch für den Niedergang Kirchs. Die Pleite bietet auf der Schlussgeraden zur Einführung des digitalen Fernsehens gewaltige Wachstumsmöglichkeiten für die Konkurrenten. Pech für Kirch. Vergeblich hat er mit visionärer Sturheit und Spielerleidenschaft den Grundstein für die TV-Zukunft gelegt.

Der Pionier des deutschen Privatfernsehens spielte zuletzt im globalen Medienbusiness mit Schwindel erregenden Einsätzen um die Formel 1 und das Pay-TV. Im Gegensatz zu früher hat der 75-Jährige keinen Trumpf mehr in der Hand. Schon seit Monaten pokern im Hinterzimmer Banken, Springer, WAZ, aber auch Murdoch und Berlusconi um sein Lebenswerk. Die beiden Minderheitsgesellschafter aus den USA beziehungsweise Italien wollen ihr Engagement unbedingt ausbauen, denn billiger waren Anteile auf dem deutschen Fernsehmarkt noch nie zu haben. Auch der Springer-Verlag will die Chancen nutzen, seinen alten Traum vom Fernsehen als profitables Standbein neben dem Zeitungsgeschäft doch noch Wirklichkeit werden zu lassen. Und der Essener Zeitungskonzern WAZ hat den wichtigsten Trumpf in der Hand: viel Geld. Doch der große Profiteur des Fiaskos ist Bertelsmann. Europas größter Medienkonzern, der gerade das Fernsehen als wichtigste Geldverdienmaschine entdeckt hat, wird den wichtigsten Konkurrenten los. Nicht nur im Fernsehgeschäft kämpfen RTL und Sat1/Pro Sieben mit harten Bandagen um die Werbemillionen, sondern auch in der riskanten Filmproduktion oder im teuren Handel mit Sportrechten. Mit der Insolvenz der Kirch Media wird Bertelsmann ohne großes Zutun zum König im deutschen TV- und Filmgeschäft.

Die Politik ist derzeit um Schadensbegrenzung bemüht. Edmund Stoiber, bayerischer Ministerpräsident und Kanzlerkandidat, hat Kirch vertrauensvoll unterstützt. Die schlecht abgesicherten Kredite seiner Bayerischen Landesbank könnten sich zum gefährlichen Bumerang für den CSU-Chef entwickeln. Stoiber leidet schon jetzt unter dem Imageverlust des Standortes Bayern. Das Desaster um die Schmidt-Bank und Fairchild Dornier haben dem glänzenden Lack tiefe Kratzer zugefügt.

Gerhard Schröder will aus der Not seines Herausforderers Kapital schlagen. Doch der Kanzler sollte vorsichtig sein, damit er nicht zur Beschädigung und Verunsicherung der Medienbranche in Deutschland beiträgt. Die 10 000 Jobs im weit verzweigten Kirch-Reich sind längst nicht alle im weiß-blauen Bundesland. Zudem könnte Rupert Murdoch mit größerem Engagement doch noch für manche Überraschung sorgen - trotz aller nationaler Abwehrversuche. Am liebsten würde der SPD-Chef daher seine politischen Freunde bei der WAZ stärker einbringen. Während der Abspann des Kirch-Streifens noch läuft, werden von Banken, Medienkonzernen und Politikern die Drehbücher für neue Traumfilme geschrieben. Die Hauptrollen werden gerade vergeben.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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