Medienwissenschaftler Norbert Bolz über Web 2.0
„Spam ist eine Riesenschweinerei“

Das Web 2.0 ist eine Jugendkultur und raubt unendlich viel Zeit. Diese Ansicht vertritt der Medienwissenschaftler Norbert Bolz von der TU Berlin. Im vierten Teil der Handelsblatt-Serie "Medienwelt der Zukunft" sinniert er über Karma-Kapitalismus, Blogger-Träume und medialen Darwinismus.

Die Medienwelt entwickelt sich rasant. Können Sie den Trends bei Ihren Kindern oder Studenten noch folgen?

Mit meinen Kindern kann ich noch mithalten, weil die recht klein sind, mit meinen Studenten aber schon nicht mehr. Denn man braucht für die neuen Medien sehr viel Zeit, um wirklich zum Insider zu werden. Gerade die partizipatorischen Medien des Web 2.0 sind durch einen enormen Zeitverbrauch gekennzeichnet. Die Gesellschaft zerfällt in eine relativ kleine Gruppe, die immer weniger Zeit hat und eine wachsende Gruppe, die immer mehr Zeit hat. Das sind Leute, die durch die Maschen des Wohllebens fallen, aber auch Jugendliche und Singles.

Also ist das hoch gelobte Web 2.0 nicht mehr als eine Spielwiese für Arbeitslose, Jugendliche und Leute mit zu viel Zeit?

Ich glaube nicht, dass es nur eine Spielwiese ist, dafür fließt schon zu viel Geld. Spielwiese ist aber kein abwertender Begriff, denn Spielen ist der Königsweg zum Verständnis. Wer keine Zeit zum Spielen hat, wird nie richtig begreifen, welche Dynamik in diesen Medien steckt. Das ist ein gewaltiger Vorteil der Jungen, die mit ihrer Zeit und Spiellust die Dimension dieser neuen Medien erkennen können, während die Älteren und die Geschäftsleute das viel zu instrumentell betrachten und das Kreativitätspotenzial völlig verkennen.

Wieso verkennen? Unternehmen wie Google kaufen doch Youtube & Co. für Milliardensummen. Ist es nicht nur eine Frage, ob beide Welten zusammenpassen?

Aus europäischer Perspektive gibt es da einen Widerspruch, aus amerikanischer nicht, denn die Amerikaner haben es seit vielen Jahren verstanden, Non-Profit und Profit nicht als Gegensatz zu sehen.

Also sind die Investments von Google und Co. richtig?

Die Unternehmen zapfen eine neue Welt an, die Welt des Open Source, der Kooperation und eines aufgeklärten Altruismus. Zu Recht vermuten sie darin die neue Dynamik der Wirtschaft im 21. Jahrhundert. Zynisch könnte man sagen, Idealismus verkauft sich gut. Das ist auch die Eintrittskarte zu den neuen Kunden im 21. Jahrhundert. Die definieren sich als mündige Bürger mit ethischen Vorstellungen von einem verantwortungsvollen Leben und wollen auch so angesprochen werden. Dazu gehören diese ganzen Dinge wie Kooperation und Kollaboration, die ich als Karma-Kapitalismus bezeichne.

Das müssen Sie erklären.

Das hat nichts mit fernöstlicher Weisheit zu tun, sondern bezieht sich auf den Karma-Begriff, wie er bei Amazon oder Ebay benutzt wird. Er meint das Ansehen, das man sich als Verkäufer erwirbt, indem man eine Transaktion ordentlich abwickelt. Das Ansehen wird immer bedeutsamer für den Wettbewerbserfolg. Einige bezeichnen daher die Web-2.0-Welt schon als Zeitalter der Empfehlungen. Schöner wäre es zu sagen, das Zeitalter der Reputation und Empfehlungen, denn Vertrauenswürdigkeit und Transparenz sind Werte, die immer mehr Menschen ansprechen.

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