Medienzentrum zur Fußball-WM 2006 kommt wohl nach München – Auch Frankfurt und Düsseldorf rechnen sich noch Chancen aus
Kaiser, Kirch und Kohle

Fünf Städte bewerben sich um das Medienzentrum für die WM 2006. Doch vor der Entscheidung im Frühjahr geht der Preiskampf um die Mietzahlungen in die zweite Runde.

Nichts haben Untertanen mehr zu fürchten als kaiserliche Ungnade. Im Fall der Bewerbung um das Medienzentrum für die WM 2006 gilt das insbesondere für die Untertanen in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Leipzig. Es war am 11. Juli, als Franz Beckenbauer vor die Münchener Stadträte trat und sein Wohlgefallen über die Bewerbung der bayerischen Hauptstadt zum Ausdruck brachte: Er habe "a bissl Einfluss, aber der wird erheblich sein". Strahlemann Beckenbauer ist der Held der WM-Bewerbung und Chef des Organisationskomitees (OK). Nebenbei präsidiert er beim FC Bayern. Kann man so jemandem einen Wunsch abschlagen?

Zu den wichtigsten Standortentscheidungen im Zusammenhang mit der WM 2006 zählt die Frage, wo das Internationale Medien Zentrum (IMC) errichtet wird. Wie Heuschrecken werden Journalisten und Techniker aus aller Welt einschwärmen. OK-Vizepräsident Wolfgang Niersbach, für Medien zuständig, rechnet mit bis zu 30 000 Personen. Die ersten werden schon Ende 2005 kommen, ab November muss das IMC acht Monate lang zur Verfügung stehen. Ein prima Geschäft für Hotels, Gastronomie und technische Dienstleister. Berlin etwa hofft, dass über 50 Prozent der 100 Millionen Euro, die für den Neubau einer Messe-Halle für das IMC veranschlagt werden, gleich in der Region bleiben. Und alle fünf Bewerber-Städte erwarten einen enormen Image-Schub, der sich in den folgenden Jahren bezahlt machen soll.

Klar ist auch: "Alle fünf können es", sagte Niersbach dem Handelsblatt. Entscheidendes Kriterium sei die Fläche von 40 000 Quadratmetern, drei Viertel davon für die ausufernde Fernsehtechnik im Rundfunk-Zentrum (IBC), der Rest für die Zeitungsleute (Main Press Centre/MPC). "Alles andere ist nachrangig."

Niersbach: "Der Preis spielt eine große Rolle"

Da jedoch alle Standorte dank ihrer Messen über die notwendige Fläche und Infrastruktur verfügen, entscheiden andere Faktoren: Neben dem Faktor Beckenbauer dürfte dies vor allem die Höhe der Miete sein, die das OK an die Messegesellschaften zu entrichten haben wird. "Der Preis spielt eine große Rolle", bestätigt Niersbach. Frankfurts Messe-Manager Georg-Günther Kruse "mag nicht ausschließen, dass wir über dem Angebot anderer liegen". Daher habe man sich bestätigen lassen, "dass wir zu einem späteren Zeitpunkt, vermutlich im Februar oder März, noch einmal darüber reden können". Entschieden werden soll bis April.

Von allen (außer München) gefürchtet wird außerdem der Faktor Kirch: Der vor den Toren Münchens ansässige Medienkonzern besitzt die Fernsehrechte, und seine Tochterfirma Host Broadcasting Services (HBS) wurde mit der technischen Ausstattung des IMC beauftragt. Die Meinung des HBS-Geschäftsführers Francis Tellier, der bereits das Medienzentrum 1998 für das französische Fernsehen organisierte, habe "empfehlenden Charakter", erklärt Niersbach. Entschieden werde in einer gemeinsamen Sitzung des OK, des Weltverbandes Fifa, des OK-Aufsichtsrats und des DFB-Präsidiums. In einem technischen Report hat die HBS immerhin bereits allen fünf Städten WM-Tauglichkeit bescheinigt.

Zur Bewerbung im Einzelnen: Die Messe Berlin will die für das Rundfunk-Zentrum vorgesehene neue Halle in Stadionnähe auf jeden Fall bauen. Wenn die Stadt den Zuschlag nicht bekommt, will sie sich mit dem Neubau allerdings ein bis zwei Jahre länger Zeit lassen. Das Kongresszentrum ICC soll die Presse beherbergen. Dennoch weiß ein Senatssprecher: "München steht am stärksten da."

Düsseldorfs größter Vorteil lässt sich in Kilometern rechnen

Die Vorzüge Düsseldorfs rechnet Messe-Geschäftsführer Horst Klosterkemper in Kilometern vor. Die Entfernung zu allen anderen Spielorten betrage insgesamt 8 020 Kilometer, für München errechnete er 15 130 Kilometer. Die Bilanz wird sich aber verschlechtern, wenn - wie zu erwarten - zwei West-Spielstätten aus dem Kreis der 16 Stadion-Bewerber rausfallen. Gehört Niersbachs Heimatstadt Düsseldorf selbst dazu, ist die Kandidatur für das Medienzentrum ohnehin hinfällig, denn nur WM-Spielorte kommen für das IMC in Frage. Die NRW-Hauptstadt war der schnellste Bewerber und kann bereits fertige Hallen, nur wenige Minuten vom Flughafen entfernt, vorführen. Das IBC in Messehalle 6 soll über eine 90 Meter lange Passage einen direkten Zugang zum neuen Stadion erhalten. So sieht Klosterkemper denn "nur einen Mitkonkurrenten: München".

Frankfurt liegt ebenfalls zentral und verfügt als Sitz der DFB-Zentrale über gute Beziehungen. Der Messeausbau war unabhängig von der WM-Bewerbung vorgesehen. Es werden eine oder zwei Hallen für rund 130 Millionen Euro errichtet. Messe-Manager Kruse schätzt die Chancen für einen Zuschlag auf 60:40, doch er "vermag nicht einzuschätzen, wie stark die medienpolitischen Einflüsse sind".

Außenseiter Leipzig hofft auf einen Ost-Bonus, verweist aber auch auf die moderne Infrastruktur: 1996 wurde die Messe neu eröffnet. Da die Kapazitäten noch nicht ausgelastet sind, müsste für die WM nicht neu gebaut werden.

In München war der Messe-Ausbau bereits vor der Bewerbung geplant. Für rund 90 Millionen Euro sollen die Hallen C1, C2 und C3 ausgebaut sowie die Halle C4 und der Nordeingang neu errichtet werden. Dass München nicht gerade zentral liegt, sei doch im Zeitalter der Vernetzung kein Problem, heißt es in Bayern. Besonders dann, wenn man über so gute Drähte verfügt.

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