Medikament Interferon hilft nur einem Drittel der Erkrankten
Multiple Sklerose hat mehr als nur eine Ursache

Bislang gingen Mediziner davon aus, Multiple Sklerose sei eine Immunkrankheit. Eine internationale Studie scheint dies zu widerlegen. Danach ist Multiple Sklerose nur ein Sammelbegriff für verschiedene Erkrankungen mit unterschiedlichen Ursachen. Diese neue Erkenntnis öffnet den Blick für neue Behandlungen.

HB DÜSSELDORF. Multiple Sklerose (MS) ist wahrscheinlich nicht nur eine Erkrankung des Immunsystems. "Für die Krankheit, die durch eine Vielzahl unterschiedlicher Verläufe gekennzeichnet ist, sind verschiedene Ursachen verantwortlich", sagt Prof. Wolfgang Brück vom "Institut für Neuropathologie" der Charité in Berlin. Der Mediziner hat in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus Wien und Rochester/USA festgestellt, dass die durch MS verursachten Gewebeschäden bei verschiedenen Patienten ganz unterschiedlich aussehen. Das weise eindeutig auf unterschiedliche Krankheitsarten hin, unterstreicht der Mediziner.

Bislang ist man davon ausgegangen, dass der entscheidende Vorgang bei der MS eine Immunreaktion körpereigener Abwehrzellen ist, bei der sich das Immunsystem gegen Bestandteile der Umhüllung von Nervenzellen richtet. Dabei werde die Hüllsubstanz mehr oder weniger großflächig zerstört. Die Wissenschaftler fanden nun jedoch heraus, dass Immunphänomene allein die Krankheitsbilder von Multiple Sklerose nicht erklären können. Anti-Immunreaktionen seien nur für einen Teil der Fälle verantwortlich, so die Mediziner. Gemeinsam mit Kollegen der Universität Wien und der Majo-Klinik hatte Brück Gewebeproben von über 400 Kindern und Erwachsenen untersucht. Dabei habe sich gezeigt, dass insbesondere die Zerstörung der Nervenhüllen (die den zentralen Prozess der Erkrankung ausmacht) und die Zerstörung der Nervenzellfortsätze (die die Signale von einer Nervenzelle auf die andere weiterleiten) zwei voneinander unabhängigen Prozessen zuzuschreiben sind.

So sei die Ursache für die Zerstörung der Gehirnzellen, die die Nervenzellen umhüllen, bei einigen Erkrankten auf Schäden oder Störungen im Stoffwechsel dieser Zellen zurückzuführen, so die Vermutung der Wissenschaftler. Ursache dieser Stoffwechselstörungen seien Gendefekte. "Das Immunsystem ist daran nur sekundär beteiligt", sagt Prof. Brück. Außerdem haben die Forscher herausgefunden, dass bei einer größeren Gruppe von Patienten nicht die Ummantelung der Nervenbahnen zerstört worden ist, sondern die Nervenbahnen selbst. Die Forscher sprechen hier von einer Art Selbstzerstörung. In bildgebenden Diagnose-Verfahren wie der Magnet-Resonanz-Tomographie werden diese degenerativen Vorgänge in Form von "schwarzen Löchern" auf dem Computerbild sichtbar.

Die Vorstellung, dass Multiple Sklerose verschiedene Ursachen hat, wird dadurch erhärtet, dass nur ein Drittel der Patienten auf die Behandlung mit Beta-Interferon anspricht. Mit dem Medikament, das u.a. von den Pharmaunternehmen Schering und Biogen vermarktet wird, waren lange Zeit große Hoffnungen verknüpft. Es moduliert die Immunreaktion und wirkt damit antientzündlich. "Bei Stoffwechselstörungen musste diese Therapie nutzlos bleiben", so der Berliner Mediziner.

Für Multiple-Sklerose-Kranke gibt es bislang keine Heilung. Die unregelmäßig auftretenden Krankheitsschübe können jedoch mit Medikamenten gemildert und der Abstand zwischen den Schüben vergrößert werden. Die neuen Erkenntnisse könnten dazu beitragen, dass neue, wirksamere Behandlungsmethoden entwickelt werden, hofft auch die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, die Brück Anfang des Jahres für seine Arbeiten ausgezeichnet hat.

Ein neuer Therapieansatz besteht beispielsweise darin, bei Patienten, deren Krankheitsbild auf eine Störung des Stoffwechsels hinweist, mit Wachstumsfaktoren die Überlebenschance der Gehirnzellen zu verbessern. Und um die Selbstzerstörung der Nervenbahn zu stoppen, schlagen die Forscher vor, den an diesem Prozess beteiligten Nervenbotenstoff Glutamat mit einem Gegenspieler zu blockieren. Außerdem bestehe die Möglichkeit, mit Copaxone, einem Gemisch aus drei Aminosäuren, das jetzt auch in Deutschland zugelassen ist, die Entstehung "schwarzer Löcher" zu verhindern. Das Mittel müsse jedoch frühzeitig und langfristig eingesetzt werden.

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