Medikamente mit Milliardenumsätzen verlieren Patentschutz
Fette Beute für Generika-Hersteller

Billige Produktkopien werden den großen Pharmakonzernen in den nächsten Jahren noch stärker zusetzen. Experten gehen davon aus, dass die Generikahersteller besser abschneiden als manch führender Pharmahersteller.

bef/Bloomberg DÜSSELDORF. Solche Zahlen entlocken Managern von Generikafirmen ein freudiges Grinsen: Von 52 Medikamenten, die in den USA im vorigen Jahr über 1 Mrd. $ Umsatz erzielten, verlieren in den nächsten fünf Jahren 42 ihren Patentschutz. Das hat das britische Marktforschungsinstitut Datamonitor analysiert. Fette Beute also für die Hersteller von Nachahmermitteln, die mit billigen Kopien dieser Arzneien auf den Markt kommen.

Generische Kopien sind chemisch mit Originalmitteln identisch, dürfen aber erst nach Ablauf des Patentschutzes vertrieben werden. Da Generika-Herstellern weitaus geringere Kosten für die Entwicklung und Vermarktung entstehen, können sie ihre Produkte billiger verkaufen. Nach Angaben der Marktforscher von IMS Health beträgt der Abschlag auf Preise der Originalmedikamente in den USA bis zu 80 %. In Märkten mit tieferen Preisen wie etwa Deutschland sind es 30 %.

Die Originalmedikamente büßen mittlerweile schnell Marktanteile ein, sobald Nachahmerprodukte angeboten werden: Das Antidepressivum Prozac vom US-Pharmakonzern Eli Lilly verlor in den ersten Wochen nach Ablauf des Patents 75 % seines Umsatzes. Das zeigt auch, wie kräftig führende Generikafirmen ihre Marketing- und Vertriebsstäbe bereits ausgebaut haben - zu ihnen gehören etwa die israelische Teva, die indische Ranbaxy oder der US-Konzern Andrx. "Die Generikahersteller sind bei der Vermarktung von Nachahmerprodukten viel effektiver geworden", sagt Neal Hansen von Datamonitor.

Das bestätigen auch die Marktdaten: Nach Angaben des britischen Instituts wuchs der Weltmarkt für Generika im vorigen Jahr um 11 % auf 27 Mrd. $. Der Umsatz der gesamten Pharmabranche stieg im gleichen Jahr nur um 8 %. Nach Hansens Worten erreichen die 16 weltweit größten Pharmakonzerne eine Spanne beim Betriebsgewinn von durchschnittlich 22,7 %, die 20 führenden Generikaproduzenten kommen auf einen Durchschnittswert von 18 %. "Die Gewinnspannen einiger Generikahersteller haben die Margen großer, etablierter Hersteller bereits übertroffen", erläutert der Analyst.

Schützenhilfe fürs Geschäft bekommen die Nachahmer-Hersteller von Gesundheitspolitikern in Deutschland und auch im US-Senat: Sie wollen den Einsatz neuer Generika vereinfachen, um die dramatisch steigenden Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen. Ihnen schließen sich US-Industriekonzerne an, die Gesundheitsprogramme für ihre Betriebsangehörige finanzieren müssen.

Die Pharmaindustrie wehrt sich verständlicherweise gegen die wachsende Konkurrenz - und das nicht immer auf die feine Art. Dabei wird ihr nicht nur vorgeworfen, unter der Hand Geld an Generikafirmen zahlen, sondern auch der Generikalobby zu drohen. So sollen nach Informationen der "New York Times" unter anderem Eli Lilly und Konkurrent Wyeth Industriekonzernen wie Verizon Communications mit Konsequenzen für die Geschäftsbeziehungen gedroht haben, falls sie sich weiter stark in der US-Generikalobby engagieren. Die beklagten Pharmafirmen bestreiten das Vorgehen.

Fast immer ziehen die Originalhersteller im Streit mit der Generikakonkurrenz vor Patentgerichte, etwa weil sie einen Teil des noch bestehenden Patentschutzes verletzt sehen. So kann der Wirkstoff bereits patentfrei sein, während die Produktionsweise noch geschützt ist. Die Strategie hinter den Klagen ist klar: Jeder Tag, den die Konzerne den Schutz verlängern, sichert ihnen Millionenumsätze. Der britische Pharmariese Astra Zeneca hat es mit Klagen geschafft, sich bis heute die Generikakonkurrenz für sein Magenmittel Prilosec vom Hals zu halten - obwohl der Patentschutz schon im Herbst 2001 ausgelaufen ist.

Um sich einen Teil der Umsätze zu sichern, bringen viele Pharmafirmen neue Formulierungen der alten patentlosen Mittel auf den Markt, die den Produkten Mehrwert verschaffen und damit teilweise neuen Patentschutz geben. Dies praktizieren viele Anbieter mit Erfolg. Doch der Vormarsch der Nachahmer ist zumindest nach Ansicht von Datamonitor-Analyst Hansen nicht aufzuhalten. Aus seiner Sicht haben viele Generikahersteller die Chance, in den nächsten Jahren bessere Wachstumsraten als viele große Originalhersteller zu erzielen.

Quelle: Handelsblatt

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