Mediziner im Ausland
Hier bin ich Arzt, hier darf ich’s sein

Viele Mediziner sind die Diskussionen um die deutsche Gesundheitsbranche Leid. Immer mehr von ihnen suchen daher ihr Glück im Ausland - und finden bessere Arbeitsbedingungen und ein höheres Gehalt als in ihrer Heimat.

AMSTERDAM. Eigentlich wollte Georg Kluge nur ein Jahr in Amsterdam bleiben - zum Aufatmen und um Auslandserfahrung zu sammeln. Aber dann kam er nicht mehr los. Inzwischen arbeitet der 41-jährige Anästhesist aus Seligenstadt schon sechs Jahre in den Niederlanden. "Und jetzt will ich auch nicht mehr zurück nach Deutschland", sagt er und fährt sich mit der Hand über die Stirn. Deutsche Krankenhäuser, das bedeutet für Kluge: starre Hierarchien, überflüssige Bürokratie, ineffiziente Arbeitsteilung.

Das alles wollte er hinter sich lassen, und die Diskussionen in Berlin und anderswo über Geld, Arbeitsbedingungen und die Anerkennung von Ärzten bestätigten Kluge in seiner Wahl: "Der Zustand des deutschen Gesundheitssystems ist katastrophal. Es geht nicht, dass man mit Chefs arbeitet, die auf dem Stand von 1800 sind." Während Kluge diesen Satz gelassen ausspricht, fixieren seine graublauen Augen ruhig den Gesprächspartner, das Stethoskop baumelt um seinen Hals. Immer mehr deutsche Mediziner kehren wie er ihrem Heimatland den Rücken und versuchen ihr Glück im Ausland.Besonders beliebt sind dabei die Niederlande und die skandinavischen Länder.

"Wir haben keine genauen Zahlen über die Auswanderer", sagt Ursula Stüwe, Präsidentin der hessischen Landesärztekammer. "Aber wir sehen den Ärzteschwund deutlich." Die Zahl der Medizinstudenten an deutschen Universitäten bleibe zwar weitgehend stabil. "Aber Hausarztpraxen - vor allem auf dem Land - zu besetzen, bereitet schon jetzt Schwierigkeiten. Auch in den Krankenhäusern wird es immer problematischer, qualifiziertes Personal zu finden", klagt Stüwe. Die Zahl der hessischen Ärzte, die ein "Certificate of Good Standing" - eine Art ärztliches Führungszeugnis für Auslandsaufenthalte - beantragt haben, ist drastisch gestiegen: von gerade einmal 19 im Jahr 2000 auf 104 im ersten Halbjahr 2005. "Die Zahl der Abwanderungen ist vermutlich noch höher, weil viele Länder dieses Führungszeugnis überhaupt nicht verlangen", meint Stüwe.

In einer Befragung gaben 20 Prozent der Ärzte, die aus Hessen abgewandert sind, schlechte Arbeitsbedingungen als Grund an. Dem kann sich Kluge in Amsterdam nur anschließen: "Die Stimmung ist hier viel besser. Hier gibt es echte Teamarbeit, die auch dem Patienten zugute kommt", sagt der Anästhesist, der zuvor als Assistenzarzt in Essen gearbeitet hat.

Seite 1:

Hier bin ich Arzt, hier darf ich’s sein

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%