Mediziner testen Nervengift Botox als Schmerzmittel
Anti-Falten-Mittel hilft auch gegen Migräne

Das Nervengift Botox ist weit mehr als ein Anti-Falten-Mittel - der Wirkstoff wird inzwischen bei einer ganzen Reihe von Beschwerden eingesetzt. Und schon bald soll es auch gegen starke Kopfschmerzen helfen.

DÜSSELDORF. Als Produzent des starken Nervengiftes Botulinumtoxin hat das Bakterium Clostridia botulinum weltweit Berühmtheit erlangt. Millionen von Menschen haben sich das Gift in stark verdünnter Form mittlerweile als Faltenglätter in die Augen- und Gesichtspartie spritzen lassen. Alleine in den USA sind im vergangenen Jahr 1,6 Millionen Dosen verbraucht worden. Bald schon könnte das Bakterium noch populärer werden. Denn Mediziner glauben, dass das Botulinumtoxin- Medikament Botox auch gegen Migräne und Kopfschmerzen helfen kann.

Botulinumtoxin setzt in stark verdünnter Form gezielt Muskeln lahm, indem die Übertragung von Nervenimpulsen blockiert wird. Bei Schönheitseingriffen lösen sich auf diese Weise Verspannungen, Falten vor allem um die Augenpartie werden geglättet. "So behandelte Patienten berichten immer wieder, dass nach dem Eingriff oft auch hartnäckige Kopfschmerzen gelindert werden", sagt Berthold Rzany, Dermatologe an der Charité in Berlin. Diese Beobachtung haben den Mediziner ermuntert, verschiedene Studien zu initiieren, die untersuchen sollten, wie Botox gezielt gegen Migräne eingesetzt werden kann.

Zahlreiche Studie belegen die Wirksamkeit

An einer der Studien, die am amerikanischen Wake Forest University Baptist Medical Center durchgeführt wurde, nahmen 130 Patienten teil, die an mehr als 15 Tagen pro Monat an schweren Kopfschmerzen litten. Die meisten Patienten galten als so genannte Non-Responder - sie hatten bisher auf keine medikamentöse Therapie reagiert.

Das erstaunliche Ergebnis der Studie: 92 % der Probanden berichteten nach einer Behandlung mit dem Nervengift Botox über eine oft deutliche Linderung ihrer Beschwerden. Den Kopfschmerzpatienten wurde das Mittel in Muskeln im Augen-, Stirn- und Kieferbereich gespritzt. So wurden Verspannungen aufgelöst, die zuvor zu Kopfschmerzen führten. Einige Patienten, die Schmerzen im gesamten Kopf hatten, bekamen zusätzlich Injektionen in den oberen Rücken, den Nacken und die Schulter.

Neurologie-Professor Todd Troost, Leiter der Studie an der Wake Forest University, haben diese Erfahrungen überzeugt. Botox sei als Kopfschmerztherapie geeignet, so sein abschließendes Urteil. Es werde eine hohe Wirksamkeit bei geringen Nebenwirkungen und niedrigen Kosten erreicht, sagt Troost: "Botox ist im Begriff, eine der wichtigsten vorbeugenden Therapien bei Kopfschmerz zu werden."

Muskelschmerzen werden vertrieben

Doch noch ist Botox weder in den USA noch in Deutschland als Kopfschmerzmittel zugelassen. "Bisherige Studien müssen noch abgesichert werden, bevor die Einsatzmöglichkeiten in diesem Bereich abschließend beurteilt werden können", dämpft Petra Graef, Produktmanagerin beim deutschen Botox-Vertreiber Merz, die Euphorie. Doch die jetzt schon vorliegenden Ergebnisse seien durchaus ermutigend, so Graef.

Schon heute ist Botox bei anderen Krankheitsbildern ein anerkanntes Heilmittel. So wird schon seit längerem in der Augenheilkunde das so genannte Schielen mit dem Wirkstoff behandelt: Der Augenarzt spritzt das Gift dabei in den Augenmuskel, der für das Schielen verantwortlich ist. Die anderen Einsatzgebiete für das Nervengift betreffen unterschiedliche Arten von Muskelkrämpfen und-zuckungen, etwa nach Schlaganfällen oder bei multipler Sklerose sowie Muskelschmerzen bei manchen Kiefergelenkfehlstellungen.

Eingesetzt wird das Gift auch gegen krankhaftes Schwitzen. "Botox kann hier ein äußerst wirksames, sinnvolles Mittel sein", sagt der Berliner Dermatologe Berthold Rzany. Hier wird der Wirkstoff mit extrem dünnen Nadeln direkt in die Schweißdrüsen gespritzt, wo dieser die Erregung der Drüsen und damit das Ausschütten der Flüssigkeit verhindert. "Für den Patienten ist diese Prozedur in der Regel schmerzlos", sagt Rzany. Da sich das Gift nach einigen Monaten im Körper vollständig abbaut, muss die Injektion zwei bis drei Mal im Jahr wiederholt werden.

Bis zu zehn Patienten in der Woche behandelt Rzany nach dieser Methode. "Die Behandlung ist sicher für den Patienten. Allergien und schwerwiegende Nebenwirkungen sind nicht bekannt", sagt der Mediziner. Allerdings komme es bei Botox stets auf die Erfahrung der behandelnden Ärzte an, um Überdosierungen zu vermeiden, die zu vorübergehenden Lähmungserscheinungen führen können. "Der Einsatz von Botox muss jeweils auf den individuellen Fall ausgerichtet sein und verlangt deshalb eine intensive Spezialausbildung des behandelnden Arztes", sagt auch Merz-Produktmanagerin Graef.

Auch für kosmetische Behandlungen ist Botox in Deutschland bisher noch nicht zugelassen - allerdings auch nicht ausdrücklich verboten. Die offizielle Zulassung in den USA für Faltenbehandlungen bekam das Mittel im April dieses Jahres, nachdem bereits Hunderttausende kosmetische Eingriffe vollzogen wurden. Dank des boomenden Anti-Falten-Einsatzes entwickelte sich Botox für den amerikanischen Hersteller Allergen zum wichtigen Umsatzbringer: Alleine in den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres brachte das Mittel nach Unternehmensangaben 310 Mill. Dollar in die Kassen. Sollte Botox demnächst auch als Kopfschmerzmittel zugelassen werden, würde das noch einmal einen deutlichen Schub für den Verkauf des Wirkstoffs bedeuten.

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