Mehr als 100 000 Karten nicht verkauft
Haltet die „Ticket-Diebe“

Das Ticketchaos ärgert neben den Fans auch die WM-Organisatoren, die um ihre Einnahmen fürchten. Die Medien haben einen Schuldigen für die Misere gefunden: Die Firma Byrom.

TOKIO/LONDON. Wo sind die Tickets?" Die Frage, die verärgerte Zuschauer auf ein riesiges Plakat im Saitama-Stadion geschrieben haben, beschäftigt derzeit Fußballfans und Medien in Japan wie Korea. Zuschauer, die für vermeintlich ausverkaufte Spiele keine Karte mehr ergattern konnten, sehen im Fernsehen Tausende von leeren Sitzen und sind verärgert. Und zu allem Überfluss erreichten viele über das Internet bestellte und bereits bezahlte Tickets nicht rechtzeitig ihre Empfänger. Weit mehr als 100 000 Karten für die erste Runde sollen in den beiden Gastgeberländern der Weltmeisterschaft nicht verkauft worden sein.

Den WM-Organisationskomitees - Jawoc in Japan und Kowoc in Südkorea - kann das Chaos nicht egal sein, denn die fehlenden Ticketeinnahmen werden sich spätestens in der Endabrechnung negativ niederschlagen. Japans Medien hatten deshalb schnell einen Schuldigen für die Misere gefunden: Byrom. Die im Raum Manchester angesiedelte Firma hatte im vergangenen Jahr vom Fußball-Weltverband Fifa den lukrativen Auftrag erhalten, den Verkauf der Eintrittskarten zu organisieren. Die Entscheidung, das Ticketgeschäft für eine WM erstmals in die Hände einer Firma zu legen, sorgte bei anderen Bewerbern bereits im Vorfeld des Turniers für reichlich Verwunderung. Das von den beiden mexikanischen Brüdern Enrique und Jamie Byrom geführte Familienunternehmen verfüge mit zehn Festangestellten und 30 Teilzeitkräften weder über eine ausreichende Organisation noch über entsprechende Erfahrung, so die Kritiker.

Sie fühlten sich bestätigt, als sich der Druck der WM-Tickets mehrmals verzögerte. Zudem wird immer wieder der Verdacht geäußert, dass die Byrom-Brüder den Zuschlag nur wegen angeblich guter Kontakte zu Fifa-Präsident Joseph Blatter erhalten haben. Enrique Byrom ficht das nicht an: "Wir arbeiten seit der Weltmeisterschaft 1994 mit Erfolg." Auch damals waren die Brüder jedoch in die Schlagzeilen geraten, nachdem sie mit Englands Fußball-Legende Bobby Charlton WM-Reisen in die USA angeboten hatten. Am Ende waren beide Partner heillos zerstritten und viele Millionen verloren.

Für Japans Medien sind die Byrom-Eigentümer "Diebe". Sie hätten die nicht verkauften Tickets nicht rechtzeitig zum Weiterverkauf nach Japan gegeben, weil sie nicht auf ihre Verkaufsprovision verzichten wollten, heißt es. Jawoc will deshalb nach Ende der WM über mögliche Entschädigungsklagen entscheiden: "Jetzt ist es erst einmal am Wichtigsten, die Tickets an die Fans zu bringen", erklärte Turnierdirektor Junji Ogura am Donnerstag.

Fifa-Sprecher Andreas Herren glaubt dagegen, dass Byrom keine Schuld trifft. Privatleute und Verbände hätten kurzfristig Karten zurückgegeben, weil ihnen die Reise nach Fernost dann doch zu teuer geworden sei. Weil bei dem neuen Ticketsystem auf jede Karte der Name des Zuschauers geschrieben wird, habe die Erfassung der zurückgegebenen Tickets viel Zeit gekostet. Und aus Angst vor Hooligans hätten sich die japanischen Organisatoren gesträubt, Restbestände am Spieltag vor den Stadien zu verkaufen. Deshalb werden die Karten in Japan jetzt per Telefon und Internet, in Korea zusätzlich auch vor den Stadien verkauft.

Überhaupt sehen die Koreaner die ganze Sache gelassener. "Nach dem Sieg der koreanischen Mannschaft werden wir die Tickets wohl alle verkaufen können. Seit Donnerstag hatten wir wegen der Karten keine größeren Beschwerden mehr", heißt es in der Kowoc-Zentrale in Seoul. Mit einem Imageschaden für den Fußball in Asien rechnen die Organisatoren nicht: "Mit der Zeit vergessen die Leute das."

Zumal Kritiker den WM-Komitees zugestehen, das Riesensportereignis abgesehen vom Ticket-Chaos extrem gut organisiert zu haben. Die Anforderungen waren hoch: Zwei Länder, ein neues Ticketsystem, um einen explodierenden Schwarzmarkt wie 1998 in Frankreich zu vermeiden, hohe Sicherheitsvorkehrungen nach dem 11. September und aus Angst vor Hooligans. "Wir spielen im Prinzip zwei WMs", betont Fifa-Sprecher Herren. In Korea und Japan sei der Arbeitsstil sehr unterschiedlich. "Logistisch war die geteilte WM wohl eine größere Herausforderung als man angenommen hat. Aber umgekehrt ist es eine enorme Bereicherung für Fans und Mannschaften, zwei Länder in Asien kennen zu lernen", betont Herren.

Am 12. Juni wird entschieden, was mit den noch nicht verkauften Tickets für die zweite Runde geschehen soll. Wie viele das sein werden, ist noch unklar, denn erstmals konnten Fans Team-Karten kaufen. Nur wenn ihre Mannschaft weiterkommt, erhalten sie ihr Ticket und müssen dafür zahlen. Ein cleveres System, sagen Experten - wenn es denn wie erhofft funktioniert.

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