Mehr als 35 000 Arbeitsplätze betroffen
Das Jahr des Stellenabbaus

Der Stellenabbau in großen deutschen Konzernen hat neue Dimensionen erreicht. Allein die im Deutschen Aktienindex notierten Unternehmen kündigten seit Beginn des Jahres den Abbau von weit mehr als 35 000 Arbeitsplätzen an.

HB/dpa MÜNCHEN. Im Gegensatz zu früheren Krisenzeiten setzen die Firmen nicht nur an der Basis den Rotstift an: Auch hoch qualifizierte Computerexperten, Investmentbanker oder Top-Manager wurden vor die Tür gesetzt. "In dieser Breite hat es das noch nie gegeben", sagt Willi Schoppen von der Personalberatung Spencer Stuart. Die Gewerkschaften werfen den Arbeitgebern eine phantasie- und kopflose Personalpolitik vor.

Besonders hart hat es auch in diesem Jahr die Banken getroffen. Die drei Frankfurter Großbanken Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank kündigten wegen der andauernden Konjunkturflaute den zusätzlichen Abbau von mehr als 8000 Arbeitsplätzen an. Die Hypo-Vereinsbank hatte schon 2001 bekannt gegeben, sich von mehr als 9000 Beschäftigten zu trennen. Auch für die Mitarbeiter des größten deutschen Elektrokonzerns Siemens und der Telekom hagelte es 2002 nochmals Hiobsbotschaften. Siemens kündigte häppchenweise den zusätzlichen Abbau von deutlich über 10 000 Arbeitsplätzen an und will damit insgesamt rund 35 000 Stellen abschaffen. Die Telekom zieht den Stellenabbau in ihrer Festnetzsparte vor und streicht dort im kommenden Jahr 14 000 Arbeitsplätze. Bis 2005 sollen bei dem Bonner Telekom-Riesen rund 50 000 Stellen abgeschafft werden.

Die Arbeitgeber verteidigen sich gegen die Kritik der Gewerkschaften. "Die Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage in Deutschland ist noch ernster geworden", heißt es bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Dennoch bemühten sich die Unternehmen in einer Zeit der Insolvenzrekorde, ihre Mitarbeiter zu halten. Wenn die Anpassung der Belegschaft unumgänglich sei, versuchten viele Firmen, dies sozialverträglich zu gestalten.

Nur an der Börse sorgten die Ankündigungen des massiven Stellenabbaus für bessere Stimmung. Die Aktionäre bedankten sich des öfteren mit einem kräftigen Kursplus für die Sparpläne der Konzerne. "Bei den Aktionären kommt das natürlich gut an", kritisiert Hans- Joachim Schabedoth, Leiter der Grundsatzabteilung beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Zum Teil kündigen die Konzerne den Stellenabbau nach Ansicht des Personalberaters Claus Goworr sogar nur an, um gegenüber ihren Aktionären Aktionismus in der Krise zu demonstrieren. "Das ist der kosmetische Personalabbau", sagt Goworr. Ob die Ankündigungen dann auch tatsächlich in die Praxis umgesetzt werden, prüfe niemand mehr nach. "Ich glaube, dass nur etwa die Hälfte des angekündigten Stellenabbaus vollzogen wird."

Für die Beschäftigten sind die Ankündigungen in jedem Fall verheerend. Aus Angst vor Fehlern tauchen viele Beschäftigte nach Worten von Goworr regelrecht ab. "Keiner traut sich mehr, mutige Entscheidungen zu treffen, weil er seinen Arbeitsplatz nicht verlieren will." Die Leistungsträger hingegen warteten erst gar nicht, ob der angekündigte Stellenabbau wirklich umgesetzt wird. "Sie gehen zuerst." Beim nächsten Aufschwung müssten die Firmen dann wieder für viel Geld nach neuem Personal suchen. "Es wird oft vergessen, wie sehr man in der Hochkonjunktur um gutes Personal gerungen hat", mahnt auch Personalexperte Schoppen.

Um das Auf und Ab der Konjunktur ohne massive Einschnitte beim Personal auszugleichen, fordern die Gewerkschaften flexiblere Arbeitszeitmodelle in Krisenzeiten. Ein großer Teil der Beschäftigten sei bereit, für weniger Geld weniger zu arbeiten. "Das ist einfach das kleinere Übel", sagt Schabedoth. Ein Vorbild sei der Autokonzern VW, wo Anfang der 90er Jahre die Arbeitszeit für 30 000 Beschäftigte von 35 Stunden auf 28 Stunden verkürzt worden war. Entlassungen seien vielleicht der einfachste, aber auch der einfalloseste Weg. "Das ist das phantasieloseste, was es gibt."

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