Mehr als 90 Geiseln sterben
Moskauer Geiselnahme wurde blutig beendet

Russische Spezialeinheiten haben am Samstag unter dem Einsatz von Gas die Geiselnahme in einem Moskauer Theater gewaltsam beendet. Bei der Erstürmung wurden Dutzende Geiseln und die meisten Geiselnehmer getötet.

Reuters MOSKAU. Russische Nachrichtenagenturen meldeten unter Berufung auf das Gesundheitsministerium, mehr als 90 der rund 800 Geiseln seien ums Leben gekommen. Aus dem Inlandsgeheimdienst FSB verlautete, 50 Rebellen seien ums Leben gekommen. Diese hatten einen Abzug der russischen Armee aus Tschetschenien gefordert. Frankreich forderte Russland auf, den Konflikt um die nach Unabhängigkeit strebende Föderationsrepublik politisch zu lösen.

Vize-Innenminister Wladimir Wasiljew hatte die Zahl der toten Geiseln mit 67 angegeben und erklärt, mehr als 750 seien gerettet worden. Alle 75 ausländischen Geiseln, darunter zwei Deutsche, haben nach Angaben von Diplomaten überlebt. Der deutsche Botschafter Hans-Friedrich von Ploetz sagte, die beiden Deutschen seien körperlich unversehrt, aber etwas benommen. Das sei wohl auf das eingeatmete Gas zurückzuführen.

Viele Opfer wegen schwerer Vergiftung behandelt

Ärzte behandelten bewusstlose Geiseln noch im Theater. Ein Arzt der Moskauer Sklifosowski-Klinik berichtete, 42 Überlebende würden wegen schwerer Vergiftung behandelt. "Ihr Zustand ist schlecht. Alle haben sich Vergiftungen durch ein unbekanntes Gas zugezogen, ein unbekanntes Gift", fügte der Arzt hinzu. Um welches Gas es sich handelte, war unklar. Wasiljew sagte lediglich, es seien besondere Mittel eingesetzt worden. Diese hätten es ermöglicht, die Geiselnehmerinnen auszuschalten, die Bombenpakete am Körper getragen hätten.

Die Rebellen hatten sich als Selbstmordkommando bezeichnet. Unter den Toten ist nach offiziellen Angaben auch ihr Anführer Mowsar Barajew. Nach Meldungen russischer Nachrichtenagenturen wurden 30 Menschen bei Razzien wegen Unterstützung von Terroristen festgenommen.

Vor Ablauf des Ultimatums wurden erste Geiseln getötet

Die Rebellen hatten am Mittwochabend das Theater während einer Vorstellung besetzt und unmittelbar danach eine Geisel bei einem Fluchtversuch getötet. Am Freitag hatten die Separatisten mit der Tötung weiterer Geiseln gedroht, sollte ihre Forderung nach einem russischen Abzug aus Tschetschenien nicht bis Samstagmorgen erfüllt werden. Nach Angaben des Krisenstabes töteten sie jedoch bereits vor Ablauf des Ultimatums in der Nacht mindestens zwei Geiseln und verletzten zwei weitere.

Bundeskanzler Gerhard Schröder äußerte sich erleichtert über das Ende des Geiseldramas. "Auch wenn über die Einzelheiten noch keine Klarheit besteht, müssen wir froh sein, dass ein Großteil der Geiseln, unter ihnen auch Deutsche, nun in Sicherheit sind", sagte Schröder. Der französische Präsident Jacques Chirac schrieb in einem Brief an den russischen Präsidenten Wladimir Putin, dieser habe dem Leben der Geiseln höchste Priorität eingeräumt und damit schlimmere Folgen vermieden. Das US-Präsidialamt erklärte, die Geiselnahme in Moskau habe die Gefahr des Terrorismus erneut deutlich gemacht.

Der französische Außenminister Dominique de Villepin rief Russland auf, den Konflikt in Tschetschenien nicht mit Gewalt zu lösen. Es müsse unterschieden werden zwischen Terrorismus und Krisen, die einer politischen Lösung bedürften, sagte er im Radiosender Europe 1. Frankreich habe sich seit Jahren für eine politische Lösung des Konflikts ausgesprochen.

Gespräche mit Rebellen in Aussicht gestellt

Putin hatte 2001 Gespräche mit den Rebellen in Aussicht gestellt, wenn sie die Waffen niederlegten. Die Separatisten betrachten die russische Kaukasus-Republik Tschetschenien seit 1991 als unabhängig und kämpfen seitdem gegen die Armee.

Als einzig möglicher Verhandlungspartner Putins in Tschetschenien gilt der 1997 gewählte Präsident Aslan Maschadow. Dieser erklärte auf der Internetseite der Rebellen (www.chechenpress.com), seine Führung habe keine Verbindung zu den Geiselnehmern gehabt und lehne terroristische Methoden entschieden ab.

Maschadow hatte nach seiner Wahl Unruhen und Gewalt nicht beenden können. Putin erkennt Maschadows Autorität nicht länger an und hat eine konkurrierende Verwaltung in Tschetschenien aufbauen lassen. Putin verdankt seine eigene Popularität unter anderem seinem harten Kurs im Tschetschenien-Konflikt. Noch als Ministerpräsident hatte er 1999 Truppen nach Tschetschenien entsandt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%