Mehr als ein Generationenwechsel
Wolfgang Gerhardt: Der umstrittene Partei-Sanierer

Für alle, die an eine bürgerliche Mehrheit nach der nächsten Bundestagswahl glauben, bedeutet sein Abgang einen herben Verlust. Denn FDP-Chef Wolfgang Gerhardt stand als personifiziertes Signal der Liberalen an die Union bereit, sollte Rot-Grün in der laufenden Legislaturperiode vorzeitig auseinanderbrechen.

ddp BERLIN. Der Chef der CSU-Landesgruppe Michael Glos sorgt sich nicht ganz uneigennützig um die bürgerliche Wählerschaft, die Gerhardt an die FDP gebunden habe. Kein Zweifel: Mit dem Verzicht Gerhardts auf den FDP-Vorsitz und der Wahl Guido Westerwelles vollzieht die Partei mehr als den offensichtlichen Generationswechsel. Zusammen mit Gerhardts Dauer-Kritiker Jürgen Möllemann kann Westerwelle nun die Option auf eine sozialliberale Koalition viel besser vorbereiten und glaubhafter darstellen.

Als Gerhardt 1995 die Verantwortung als Vorsitzender übernahm, drohte den Liberalen das politische Aus. Gerhardts Vorgänger Klaus Kinkel machte wohl als Außenminister gute Figur, ihm fehlte aber die Routine in der Parteiarbeit. Gerhardt empfahl sich auch, weil sein hessischer Landesverband kurz zuvor mit einem stabilen Ergebnis von 7,4 Prozent den Abwärtstrend in den Ländern erfolgreich gestoppt zu haben schien. Außerdem verfügte er als stellvertretender Bundesvorsitzender über ausreichende bundespolitische Erfahrung. Gerhardt umgab die Aura eines auf Ausgleich bedachten Hoffnungsträgers, der zwar über keine rhetorische Brillanz verfügte, aber um die Anliegen und Sorgen der Parteibasis wusste.

Eine Karriere mit vielen Einbrüchen

Doch Gerhardts Karriere bis zur Bundesspitze war auch mit manchen Einbrüchen verbunden. Die wohl spektakulärste Schlappe musste Gerhardt im Rennen um das Bundesbildungsministerium im Februar 1994 erleben. Als aussichtsreichster Kandidat im Gespräch, hatte das Bundespräsidialamt Gerhardt bereits öffentlich zum Minister ernannt. Doch in der entscheidenden Fraktionssitzung setzte sich der bis dahin völlig unbekannte Abgeordnete Karl-Hans Laermann gegen Gerhardt durch.

In den fünfeinhalb Jahren seiner Amtszeit als FDP-Chef musste Gerhardt vor allem auf die Selbstbehauptung seiner Partei und - damit direkt verknüpft - seiner Person achten. Zu den schärfsten Kritikern zählte bis zuletzt NRW-Landeschef Möllemann, der ihm die Verantwortung für elf Wahlniederlagen vorrechnete. Bei der Bundestagswahl verlor die FDP zwar Platz drei in der Wählergunst, schaffte aber mit 6,2 Prozent deutlich den Wiedereinzug. In seiner Doppelfunktion als Partei- und Fraktionschef konnte Gerhardt die Liberalen als frische Reformpartei und stabile Oppositionskraft ohne Skandale profilieren. Noch auf seiner letzten Pressekonferenz als Parteichef vor gut einer Woche zog Gerhardt zufrieden Bilanz. Er habe die FDP aus ihrer Existenzgefährdung geführt und hinterlasse Westerwelle nun eine "stabilere" und kalkulierbarere Partei.

Bei seinem Verzicht zu Gunsten Westerwelles kam Gerhardt zugute, sich genau in den Befindlichkeiten der FDP auszukennen. Eine offene Konfrontation wollten beide ebenso vermeiden wie einen FDP-Vorsitzenden Möllemann. Gerhardt schien schon seit längerem gewillt, irgendwann weitere Verantwortung an Westerwelle abzugeben und zumindest den Posten des Fraktionschefs zu räumen. Am Ende machten aber auch die engere Parteiführung und einige Landesverbände intern deutlich, dass bereits im Mai der Wechsel auf dem Chefsessel im Thomas-Dehler-Haus vollzogen werden sollte. Als Fraktionschef im Bundestag bleibt der 56-jährige promovierte Geisteswissenschaftler der FDP und der Öffentlichkeit zumindest bis zur Bundestagswahl 2002 erhalten.

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