Mehr Buchungen über das Internet
Online-Reiseanbieter profitieren von der Krise

Der Reisesommer 2002 verlief für die Touristik-Branche so betrüblich wie vielerorts das Wetter. Umso überraschender ist die gute Stimmung unter den Online-Reiseanbietern. Die Akzeptanz der Kundschaft steigt.

FRANKFURT/LONDON. Ein jegliches hat seine Zeit und alles seine Stunde, orakelte vor rund 3000 Jahren der weise König Salomon. Im übertragenen Sinn scheint dies auch für manches vorschnell verdammte Online-Geschäftsmodell zu gelten. Dass sich allerdings ausgerechnet der weltweite Abschwung der Wirtschaft als Initialzünder für die Online-Reisebranche entpuppen würde, war wirklich kaum vorhersehbar.

Doch während die großen Tourismuskonzerne 2002 ein rabenschwarzes Jahr erleben, setzt sich bei vielen E-Commerce-Anbietern die Zuversicht durch, auf das richtige Pferd gesetzt zu haben. So schleppt der Reise-Riese Thomas Cook bereits nach dem ersten Halbjahr ein negatives Betriebsergebnis von 346 Mill. Euro vor sich her. Und auch von Europas Marktführer Tui erwarten Analysten wenig Erbauliches. Die lange belächelte Online-Konkurrenz steigt dagegen zunehmend auch wieder in der Gunst der Investoren: Der Börsenkurs des Online-Anbieters Lastminute.com hat sich seit Jahresanfang nahezu verdreifacht.

"Die Wirtschaftskrise führt zu sinkender Nachfrage nach Reisen und macht gleichzeitig die Kunden preisbewusster", sagt Jaap Favier, Reiseexperte beim Marktforscher Forrester. Davon profitieren die Online-Reisenanbieter seiner Meinung nach gleich doppelt: "Die Online-Anbieter sind auf Grund geringer Personalkosten besser in der Lage die Preisnachlässe der mittlerweile verzweifelten Veranstalter an die Kunden weiterzugeben." Diese wiederum nutzen bei knapperen Budgets häufiger das Internet, weil dort "die billigsten Angebote zu finden sind". Nach Einschätzung von Favier wird die das auch langfristig eine Änderung des Verbraucherverhaltens nach sich ziehen. "Die Mehrzahl der Kunden, die mit der Buchung im Internet zufrieden waren, werden nicht mehr ins klassische Reisebüro zurückkehren."

Dabei gelten die Deutschen im internationalen Vergleich als Internetmuffel: Gerade mal ein Prozent aller Reisen wurden 2001 in Deutschland via Internet gebucht. Immerhin - im Bereich der Ferienreisen wird der Anteil in diesem Jahr voraussichtlich bei 4,7 % liegen, was einem Umsatz von 1,6 Mrd. Euro entspricht. In Großbritannien liegt der Anteil der Reise-Online-Bucher dagegen bereits bei 8 %.

Doch im Vergleich zu den Briten hatte man hier zu Lande bisher weit größere Probleme damit, Kreditkarten-Nummern am PC preiszugeben. Das hat den Online-Managern zwar schon jede Menge Frust beschert - aber auch Wachstumsfantasien. Bis 2006, prognostiziert Jupiter, werden die Europäer rund 20 Mrd. Euro für das Online-Buchen von Urlaubsreisen ausgeben. Auch Forrester schätzt, dass sich der Anteil der im Internet gebuchten Ferienreisen in den nächsten fünf Jahren auf knapp über 30 % erhöhen wird. Auf diesem Niveau werde sich dann der Marktanteil einpendeln, so die Schätzungen.

"Der Reisemarkt ist einer der Zukunftsmärkte im E-Commerce", begründete T-Online-Chef Thomas Holtrop vergangenen Jahres den Markteinstieg von Europas größten Online-Dienst. Und auch wenn die Reisetochter T-Online-Travel noch kein Geld abwirft, hat das Geschäft dem Vernehmen nach die Erwartungen im ersten Jahr mehr als erfüllt. In Großbritannien und Frankreich schreibt Lastminute.com bereits schwarze Zahlen. "Wir werden im Herbst auch in Deutschland die Gewinnzone erreichen", kündigte Lastminute-Chefin Martha Lane-Fox im Gespräch mit dem Handelsblatt an. Auch Expedia will im lukrativen deutschen Tourismusmarkt weiter angreifen. "Jetzt ist die Zeit reif für einen Einstieg", glaubt Anja Keckeisen, die bei der Deutschland-Tochter von Expedia die Geschäfte führt. Im laufenden Jahr sollen das Marketingbudget deutlich erhöht und die Umsätze in Deutschland verdoppelt werden - allerdings von niedrigem Niveau aus, wie die Branche weiß.

Ein eigenes Konzept verfolgen die großen Fluggesellschaften. Lufthansa und acht andere europäische Airlines haben zunächst 65 Mill. Euro in ihr gemeinsames E-Commerce-Unternehmen mit dem Namen Opodo investiert, das mit hohen Marketingausgaben zur Nummer eins im europäischen Markt gepusht werden soll.

Im Alleingang versuchen es dagegen Anbieter wie die Deutsche BA, bei der mittlerweile jeder dritte Kunden sein Ticket über das Internet bucht. Neben der höheren Akzeptanz setzt die Deutsche BA dabei auf einen Preisvorteil: Zehn Euro sparen die Online-Bucher gegenüber dem Ticketkauf am Schalter. Auch die Lufthansa zieht nach: ab September bringt auch sie Online-Bucher für zehn Euro weniger in die Luft. Ohnehin schon Normalität ist die Buchung per Computer bei Billiganbietern wie der irischen Ryanair. Fast die gesamten Buchungen laufen über das Internet; wer per Telefon buchen möchte, muss diesen Service durch höhere Flugpreise bezahlen.

Für die klassischen Reiseanbieter wie Tui sieht Favier "eine große Chance darin, Online-Informationen mit dem Service im Reisebüro verbinden". Doch auch die Online-Anbieter sind auf der Suche nach Standbeinen im Reisebüromarkt. Ab Oktober wird Lastminute.com mit den Lufthansa City Centern (LCC) kooperieren. "Wenn wir unseren Kunden in Deutschland auf der Web-Site sagen können, dass sie die Tickets im Lufthansa City Center abholen können - dann verbessert dies das Vertrauen", so Lastminute-Chefin Fox-Lane. "Wenn wir mit dem Ergebnis der Partnerschaft zufrieden sind, besteht nach drei Jahren die Möglichkeit ganz zu fusionieren".

Quelle: Handelsblatt

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