„Mehr kann ich nicht für Sie tun“: Reportage: Ein Arbeitstag auf dem Arbeitsamt

„Mehr kann ich nicht für Sie tun“
Reportage: Ein Arbeitstag auf dem Arbeitsamt

Deutschlands Arbeitsämter haben es immer schwerer, neue Jobs für ihre Kunden zu finden. Job-Aktiv-Gesetz und 3 000 neue Stellen für Vermittler reichen nicht aus. Und jetzt wirft der Bundesrechnungshof den Ämtern auch noch geschönte Zahlen vor - ein Arbeitstag mit den Beamten.

Donnerstagmorgen, Arbeitsamt Bremerhaven: "Na, die ist doch eh nicht zu vermitteln", nuschelt der erste Kunde des Tages, ein Mann Mitte 30, durch die vorstehenden Schneidezähne. Arbeitslos gemeldet hat er sie aber trotzdem, die Frau neben ihm, die aus Thailand gekommen ist, um ihn zu heiraten. Jetzt sitzt sie in einer norddeutschen Amtsstube und soll sagen, als was sie denn arbeiten möchte. "Im Fischereihafen vielleicht, als Lagerarbeiterin? Oder putzen?" bietet der Beamte an. Sie schweigt, schaut ausdruckslos ihren Mann an. "Putzen, Raumpflegerin, das ist okay", entscheidet der, und unter dieser Rubrik, Berufskennziffer 9331, wird sie jetzt in den Computern der deutschen Arbeitsämter gelistet.

Ein Montagmorgen im Arbeitsamt

Montagmorgen, Arbeitsamt im Westerwald-Städtchen Westerburg: "Die verlangen Hängerzug-Erfahrung", wehrt sich ein 36-Jähriger. "Aber wie soll ich einen Hängerzug rückwärts parken können? Das habe ich nicht gelernt." Eigentlich sollte er das aber können nach 15 Monaten Umschulung zum Berufskraftfahrer, vom Arbeitsamt bezahlt, findet Sonja Haas. "Immer nur ,Ich kann das nicht? hilft auch nicht weiter. Bieten Sie der Spedition ein Praktikum an, wir bezahlen Sie so lange weiter", stoppt die Arbeitsvermittlerin ihren Klienten.

"Da spart der Arbeitgeber wieder zwei Monate Gehalt auf unsere Kosten", wird sie später etwas resigniert sagen. Sie hat zu viele ähnliche Fälle erlebt: erst Umschulung, dann Zuschuss für den neuen Arbeitgeber und schließlich ein viel zu frühes Wiedersehen an ihrem Schreibtisch.

In den Arbeitsämtern herrscht Hochbetrieb

In den Arbeitsämtern herrscht Hochbetrieb. Mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland sind arbeitslos, die Bundesanstalt für Arbeit wird heute die genaue Zahl veröffentlichen. Beamte wie Sonja Haas, 27, sind es, die diesen vier Millionen neue Jobs vermitteln sollen. Eine kaum lösbare Aufgabe. Den Arbeitsämtern sind derzeit nur rund 400 000 offene Stellen gemeldet. Wirtschaftsinstitute schätzen zwar, dass bundesweit weitere 800 000 Mitarbeiter gesucht werden. Aber an diese nicht gemeldeten Stellen kommen die Vermittler nicht heran. Sie müssen sich ohnehin um so viele Jobsuchende kümmern, dass sie für den Einzelnen zu wenig Zeit haben. Sie müssen sich mit zu vielen Leuten beschäftigen, die nicht an Arbeit, sondern nur an Arbeitslosengeld und-hilfe interessiert sind. Sie müssen mit einem Computersystem arbeiten, das längst nicht auf dem neuesten Stand der Technik ist.

Plötzlich meldet sich der Bundesrechnungshof

Und jetzt macht auch noch der Bundesrechnungshof Ärger: Die Finanzkontrolleure werfen den Arbeitsämtern geschönte Zahlen vor: Rund 70 Prozent der Vermittlungen seien fehlerhaft gebucht. Das hieße, die Arbeitsämter hätten 2001 nur gut 1,1 Millionen Stellen vermittelt - und nicht 3,82 Millionen, wie die Nürnberger Bundesanstalt in ihrer Statistik ausweist. Und das hieße auch, dass eine Behörde mit einem Etat von 52 Milliarden Euro ihren Erfolg nicht seriös kontrolliert.

"Ich kann mir gut vorstellen, dass die Vorwürfe stimmen", sagt ein interner Kritiker der Behörde. Die Bundesanstalt aber gibt den Vermittlern die Schuld: Sie stünden "auf Grund des großen Publikumsandrangs oft unter Zeitdruck" und gäben "deshalb manche Daten unvollständig oder erst nachträglich in den PC" ein. Aus der Chefetage eines der fünf geprüften Arbeitsämter heißt es dagegen: "Das Problem liegt in Nürnberg." Die Bundesanstalt habe die Mitarbeiter aufgefordert, großzügig Erfolge zu melden. "Wir müssen auch Stellen als vermittelt werten, die sich die Arbeitslosen in unserer Internet-Jobbörse gesucht haben oder die nur wegen Eingliederungshilfen etwa für Langzeitarbeitslose besetzt wurden. Das hat der Rechnungshof zum Teil nicht akzeptiert."

Auch der vermittelte Student geht in die Statistik ein

Ohnehin erscheinen die Erfolgszahlen absurd hoch. Selbst der Student, dem das Arbeitsamt einen Drei-Stunden-Job als Weihnachtsmann besorgt, taucht in der Statistik auf. 3,2 Millionen klassische Vermittlungen, also nach Auswahl und auf Vorschlag der Arbeitsämter, hat die Bundesanstalt gezählt. Dann müsste jeder Vermittler 380 Jobsuchende pro Jahr in Arbeit bringen. Von den 3 000 zusätzlichen Vermittlern, die die Behörde seit Jahresbeginn beschäftigen darf, erwarten die Arbeitsverwalter aber nur bescheidene 50 Meldungen pro Kopf.

"Mehr kann ich nicht für Sie tun"

Vor Ort, in den Arbeitsämtern, mag man nichts sagen zu dem heißen Thema. Auch in Bremerhaven nicht, einem der Ämter, bei denen der Bundesrechnungshof prüfte. Dort sitzt an einem Donnerstagmorgen Ende Januar Vermittler Rolf Rüsch etwas resigniert vor seinem Computer und sucht nach Stellenangeboten. "Ich kann für Sie beim besten Willen nichts lockermachen", sagt er. Es ist nicht das erste Mal, dass er Ronald Brüning so bescheiden muss. Brüning, ein 53-Jähriger mit Ohrring und leichtem Bauchansatz unter dem blau karierten Hemd, sucht bereits seit drei Jahren Arbeit. Er ist Bürokaufmann, er ist älter als 50, einem wie ihm sagt man ab. Da wird die Suche im Computer fast zur Farce. Auch Brünings verzweifelte Petition an den "sehr geehrten Herrn Bundeskanzler Schröder" ("Was passiert mit der Altersgruppe über 45? Made in Germany ist in Gefahr!") hat ihm nicht geholfen. Rolf Rüsch bleibt nichts anderes übrig, als ihn nach Hause zu schicken: "Wir erstatten Ihnen die Fahrtkosten. Mehr kann ich nicht für Sie tun."

Rüsch sucht nach Stellen, indem er den Computer mit der vierstelligen Berufskennziffer des Arbeitslosen füttert und die passenden Stellenangebote der Arbeitgeber herausfiltern lässt. Der neueste Stand der Technik ist das nicht. "Über Berufskennziffern kann man sowieso nicht vermitteln", lästert etwa Walter Bens, Dozent an der Fachhochschule des Bundes. Er schwärmt von "Matchingmachines, wie sie in den USA verwendet werden". In solche Internet-Jobbörsen werden nicht Berufskennziffern eingespeist, sondern detaillierte Profile von Stellen und Bewerbern. Der Computer prüft ständig, ob ein Bewerber die Anforderungen eines Arbeitgebers erfüllt. Bei Übereinstimmung werden automatisch Benachrichtigungen verschickt.

Keine Chance für moderne Methoden

Aber wer so etwas auch nur ausprobieren will, der bekommt es mit Nürnberg zu tun. So wie das Arbeitsamt des Landkreises Grafschaft Bentheim an der niederländischen Grenze. "Der Landkreis, das Arbeitsamt, alle wollten das Projekt", sagt Oberkreisdirektor Josef Brüggemann. "Der Kreis hätte sogar ein Drittel der Kosten von rund 250 000 Euro übernommen. Aber die Bundesanstalt hat uns gestoppt." Die Nürnberger zurrten das Veto gleich per Erlass (Geschäftszeichen I/Org-1431B/ 5010(138)/5016.11/5509) fest: "Ich bitte Sie daher, regionale Online-Datenbanken auch im Rahmen freier oder aktiver Leistungen der Arbeitsförderung nicht mehr zu finanzieren."

Die Bundesanstalt verlässt sich voll auf den immer wieder verzögerten Ausbau ihres eigenen Computersystems - und verschenkt eine Möglichkeit, die Vermittler zu entlasten. Insgesamt sachbearbeiten bei der Nürnberger Bundesanstalt knapp 90 000 Beschäftigte die Arbeit in Deutschland - für ihre wichtigste Aufgabe haben die Arbeitsämter aber nur etwa jeden zehnten Mitarbeiter abgestellt. Der Rest weist zum Beispiel Arbeitslosengeld an, tippt Stellenangebote der Arbeitgeber per Hand ins Computersystem ein oder sucht auf Baustellen nach Schwarzarbeitern.

Leichte Besserung durch Job-Aktiv-Gesetz

Immerhin: Das seit Anfang des Jahres gültige Job-Aktiv-Gesetz hat die Situation etwas verbessert. Danach sollen die Ämter etwa genaue Leistungsprofile der Arbeitslosen erstellen, um sie schneller vermitteln zu können. Außerdem wird die Zahl der reinen Vermittlerstellen auf 11 300 erhöht.

Arbeitsmarktexperten ist die von der Bundesregierung vollmundig angekündigte "Vermittlungsoffensive" zu lau: "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Franz Egle, der an der Fachhochschule des Bundes in Mannheim Arbeitsvermittler ausbildet. "Aber wir brauchen noch mehr Vermittler. Die Ämter müssten jedes Jahr fünf Prozent ihrer Stellen in die Vermittlung umschichten."

Rolf Rüsch wäre froh darüber: "Ich kann oft nur reagieren", sagt der Bremerhavener Vermittler. "Für Eigeninitiative bleibt wenig Zeit." Er trägt ein graues Sakko über violettem Hemd und violetter Krawatte, macht sich täglich fein für die Arbeit, "schließlich kommen hier auch arbeitslose Banker, da sollte man sich angemessen kleiden". 2 700 Kunden betreut das Viererteam, in dem er arbeitet. Mindestens alle drei Monate sollen die vier jeden zum Gespräch einbestellen. Mehr will Rüsch dazu nicht sagen: Er ist vorsichtig nach all den negativen Berichten über Arbeitsämter, blockt alles ab, was ihm brisant erscheint. Aber der Rest ist schnell ausgerechnet: 60 Tage mal vier Personen macht 240 Arbeitstage im Team, das macht 11,25 Beratungen pro Tag und Kopf.

11,25 Beratungen pro Tag und Kopf

Viel mehr als das Standardprogramm ist da nicht drin. Das permanente Geklingel des Telefons ignoriert er an diesem Morgen, keine Zeit. Oft dauern die Gespräche mit den Arbeitslosen 20 bis 30 Minuten. Man sieht sich halt selten. Und abgesehen vom langen Donnerstag hat Rüsch auch nicht den ganzen Tag für Beratungsgespräche. "Nachmittags müssen Sie was wegschaffen", sagt er und deutet auf die Akten auf seinem Schreibtisch. Säuberlich geordnet, liegen da in altmodische rote und blaue Kladden gepackte Arbeitslosenschicksale und daneben etliche Formulare, die es zu bearbeiten gilt: Papiere polnischer Saisonkräfte, die Arbeitserlaubnisse beantragen, Förderanträge von Arbeitgebern, Stellungnahmen zu Einbürgerungsanträgen.

In Bremerhaven sucht jeder Sechste Arbeit. Die Stadt leidet noch immer unter der Werftenkrise. In der Hafenstadt ist es noch schwieriger als anderswo, Stellen zu finden. Neue Vermittlerstellen und ein besseres Computersystem könnten aber auch hier viel bewirken, glaubt Hochschuldozent Egle. Seine Rechnung ist einfach: "Zusätzlich muss jeder Arbeitslose nur im Durchschnitt drei Tage schneller vermittelt werden, und schon haben wir 200 000 Arbeitslose weniger."

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