Mehr reagieren als agieren
Die New Economy entdeckt den Betriebsrat

In den Start-Ups der "New Economy" galt die Bezeichnung vor kurzem noch als Schimpfwort und die Nicht-Existenz einer Arbeitnehmervertretung als positives Zeichen der Abgrenzung von anderen, verstaubten Branchen.

dpa STUTTGART/BERLIN. Nicht in allen Wirtschaftszweigen sind Betriebsräte eine feste Einrichtung, die für die Mitarbeiter genauso selbstverständlich erscheint wie der Kaffeeautomat in der Kantine oder die Weihnachtsfeier. Doch spätestens seit die Firmen rund um Internet, Software und andere Informationstechnologien (IT) mit Entlassungen und Pleiten Schlagzeilen machen, hat sich die Einstellung gewandelt.

Inzwischen etablieren sich immer öfter Betriebsräte in solchen Unternehmen. Anlass ist häufig auch der Wunsch nach einem Ausgleich für Überstunden, die während der Pionierphase noch freiwillig absolviert wurden. Bei Dutzenden von Betrieben allein in der Multimedia-Branche hat sich connex.av, eine Initiative der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, als Geburtshelfer betätigt.

Ein Hauch von Abenteuer umweht diesen Prozess. Damit potenzielle Kandidaten vom Arbeitgeber nicht eingeschüchtert oder gar gefeuert werden, richtet connex.av im Internet ein Forum ein, auf dem die Beschäftigten zunächst unter Pseudonym diskutieren können. Erst wenn ein Wahlvorstand aufgestellt ist, für den Kündigungsschutz gilt, trauen sich die Beteiligten an die Öffentlichkeit.

"Der Diskussionsprozess ist wichtig, sonst kann die Wahl auch scheitern", sagt Uwe Temme, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender in der Berliner Zentrale des Internet-Dienstleisters Pixelpark. Das Unternehmen gilt in Sachen Betriebsrat als Vorreiter in der neuen Wirtschaft. Als durch die Expansion der Firma die familiäre Atmosphäre und der direkte Draht zum Management verloren gingen, kam die Idee für eine eigene Interessenvertretung auf. Kaum gewählt, musste der Betriebsrat sich mit dem Thema Personalabbau auseinander setzen. Temmes Fazit des ersten Jahres fällt daher auch gespalten aus: "Wir sind nie dazu gekommen, selber etwas nach vorn zu bringen. Immer mussten wir reagieren." Wenig hilfreich waren in der Vergangenheit Gewerkschafter, die erfolglos ihre bewährten Methoden aus Traditionsbranchen auf die neuen Unternehmen übertrugen und sich zudem noch über die Zuständigkeit in den etablierten IT-Betrieben stritten. Inzwischen ist jedoch die Bereitschaft zur Zusammenarbeit erkennbar: Im Fall der deutschen Tochter des Computerriesen IBM wollen IG Metall und ver.di künftig kooperieren, bei der bevorstehenden Betriebsratswahl gibt es keine Listen einzelner Gewerkschaften. Beim Softwarekonzern SAP verzichtet die IG Metall zu Gunsten von ver.di auf eine Kandidatur für die externen Arbeitnehmersitze im Aufsichtsrat. SAP hat über 12 000 Mitarbeiter in Deutschland, aber keinen Betriebsrat.

Von den neun Arbeitnehmervertretern bei Pixelpark sind auf Grund von Wechseln nur noch acht übrig geblieben, deshalb stehen bald Neuwahlen an. Turnusmäßig wird in der "New Economy" in den nächsten Wochen in den seltensten Fällen gewählt, da die meisten Betriebsräte erst seit weniger als einem Jahr existieren. Die Novellierung des Betriebsverfassungsgesetzes hat nur wenige Anreize für eine Neugründung geschaffen, obwohl sie ein vereinfachtes Wahlverfahren für Betriebe mit weniger als 50 Mitarbeitern vorsieht. In den kleinen Unternehmen sitzt der Chef aber meist zwei Büros weiter, und das Wort Betriebsrat hört sich noch ziemlich altmodisch an.

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