Archiv
Mehr Respekt oder weniger Toleranz?

Kein Zweifel, die einst so bewunderte Toleranzfähigkeit der Engländer nimmt ab.

Kein Zweifel, die einst so bewunderte Toleranzfähigkeit der Engländer nimmt ab. Seit Tagen wird über die "Hoodies" diskutiert, die Kapuzen-Sweatshirts mit den aufgenähten Taschen, in denen Teenager so gut die Fäuste ballen können - und die besten Köpfe des Landes sind sich über eines einig: Da hilft nur noch das Verbot.

In der Rapper Mode führen sich die Teenies im bewunderten Gangsta-Rappa Modus vopr, die über den Kopf gezogenen Kapuzen verleihen Anonymität und stärken das Gruppengefühl. Doch die Polizei sieht dann auf der Videoüberwachung die Gesichter nicht mehr und ältere Mitbürger fühlen sich bedroht. Zum Beispiel in Europas größtem Shopping Centre, dem "Bluewater".

Die Selbstverständlichkeit, mit der das Bluewater die Hoodies nun verboten hat (auch Baseballmützen und Fluchen übrigens) überrascht aber schon. Immerhin leben wir hier im Land, das die großen Teenagermoden hervorgebracht und mit vorbildlicher Toleranz überstanden hat: Mods mit Parkas, Teds, Hippies, Punks. Sogar Skinheads. Und nun fürchten sich sie sich vor Hoodies!

Und was soll man davon halten, dass Labourminister geradezu Schlange stehen, um das Verbot zu begrüßen - bis hinauf zum Premier. Tony Blair kam es gerade recht, es passt zu seinem neuen Kreuzzug für mehr Respekt in Großbritannien. "Das erste was wir tun müssen, ist klarmachen, das ein solches Verhalten absolut unakzeptabel ist. Und wenn das Bluewater sagt, wir tolerieren das nicht, dann würde ich das völlig unterstützten" - so Blair vage über die allgemeine Pöbelhaftigkeit, die mit dem Tragen von Hoodies verbunden wird.

Die Briten leiden schwer an der Pöbelhaftigkeit ihrer Unterschichten (und nicht nur der). Das griff in den letzten Jahren mit wachsendem Wohlstand um sich. Die alten Mechanismen der gesellschaftlichen Selbstregulierung greifen nicht mehr, für die wir die Engländer früher so bewundert haben. Aber Kleiderverbote? Das hat es noch nie gegeben. Ein kraftvoller Schritt, wo sich doch wenige Nationen bei der Kleidung so tolerant betragen. Man sieht jeden Tag in der Londoner U-Bahn, wie unbeschwert sich der Brite anziehen kann und wie, im konformistischen Heer der Anzüge, auch die unmöglichste und witzigste Kombination akzeptabel scheint.

Andererseits: Haben die Briten nicht für jede Gelegenheit auch den richtigen Dresscode? Von der Clubkrawatte bis zum Frack bei der Hochzeit. Weiß auf dem Cricketplatz, Rot bei der Jagd - für jede Gelegenheit die passende Kleidung. Warum nicht auch, zum Einkaufen im Bluewater? Oder wir ziehen einfach alle Hoodie an. Sie sind billig und warm dazu. Tony Blair könnte dann, mit der Kapuzte auf dem Kopf nach Rapper Art mit den Händen Löcher in die Luft stoßen und mit bedrohlicher Stimme sagen: "Respect man, don't diss* me".

(*Diss, das Gegenteil von Respekt oder Respektlosigkeit die Rapperabkürzung von disrespect.)

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%