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Mehr Selbstbeteiligung – heißt das weniger Gesundheit, Frau Schüller?

Nein. Selbstbeteiligungen sind keine Strafaktionen. Sie sind ein Akt der Rückgabe von Eigenverantwortung an die Versicherten und Patienten.

Und genau das ist notwendig, um die Verteilung der Ressourcen in unserem Gesundheitswesen wieder entsprechend dem Bedarf zu steuern. Die Folge von mehr Selbstbeteiligung wäre nicht weniger, sondern mehr Gesundheit.

Die gesetzliche Krankenversicherung ist einmal gegründet worden, um eine Versorgung für schwer kranke Arbeiter sicher zu stellen. Das war mit Beitragssätzen von zwei, drei Prozent möglich. Inzwischen ist sie zu einem System mutiert, das oft genug die eigentlich Hilfsbedürftigen schädigt. Suchen Sie zum Beispiel mal für einen schwer verletzten Unfallpatienten ein Krankenhausbett - Sie werden alle Not haben! Gleichzeitig liegen in den öffentlich finanzierten Krankenhäusern Bagatellfälle.

Wir leisten uns heute eine Überversorgung der wenig Kranken und nehmen dafür eine Unterversorgung der schwerst Kranken in Kauf. Hier müssen wir die Prioritäten wieder richtig setzen. Und deshalb liegt es gerade im Interesse der Versicherten und Patienten, wenn sie stärker selber mitdefinieren, in welchem Ausmaß sie Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen.

Die Menschen können das auch: Sie können im Alltag entscheiden, wo sie einkaufen, welches Auto sie kaufen, sie können entscheiden welche Versicherungen sie nutzen und welche Risiken sie privat mit welchen Sportaktivitäten eingehen. Dagegen hat der politische Apparat im Gesundheitswesen zwar viele Reformen produziert - aber die Versorgung hat sich eher verschlechtert, während die Kosten gestiegen sind. Wie also kommt dieser Apparat dazu, sich die Entscheidungshoheit über Gesundheit anzumaßen?

Natürlich will ich unbedingt die Qualifikation erfahrener Ärzte in die Entscheidungen eingebracht sehen. Und natürlich brauchen wir auch eine moderne Medizintechnik. Aber wir müssen nicht alles, was verfügbar ist, flächendeckend auf jede Bagatelle anwenden - jedenfalls nicht in einem Solidarsystem. Das kann so etwas nicht leisten.

Die eigentlich interessante Frage ist, wie man zu mehr Selbstverantwortung kommt. Mit lauter seriösen Leuten könnte man eine Basisversorgung definieren, die den kollektiven Teil der Versorgung über eine Sozialversicherung beschreibt; wer mehr Schutz will, soll dies dann privat abdecken. Allerdings braucht eine solche Abgrenzung viel Zeit - Zeit, die wir nicht leider mehr haben. Denn wie bei der Rentenversicherung schnappt auch in der Krankenversicherung längst die demographische Falle zu.

Ich schlage daher vor: Wir führen für ein Jahr befristet eine Selbstbeteiligung von zehn Prozent auf alle Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung ein. Diese Zeit können wir dann nutzen, um langfristige und grundlegende Veränderungen vorzubereiten. Zehn Prozent Selbstbeteiligung heißt ja nicht, dass jemand auf notwendige Leistungen verzichten muss, nur weil er diese nicht bezahlen kann. Es muss sicherlich eine Klausel für Härtefälle geben. Eine andere Frage ist, ob wirklich alle elf Millionen Menschen Härtefälle sind, die heute in der gesetzlichen Krankenversicherung von Zuzahlungen befreit werden. Entscheidend am Prinzip der Selbstbeteiligung ist aber: Es würde in der Psychologie der Beteiligten deutlich machen, dass Gesundheitsleistungen einen Wert haben.

Wer das für unsozial hält, dem kann ich nur sagen: Unsozial sind die heutigen falsch konstruierten Sozialsysteme. Denn sie bevorzugen die Älteren, die geringe Beiträge gezahlt haben und viele Leistungen in Anspruch nehmen. Und sie belasten die Jungen - diejenigen, die ohnehin eine extrem schwierige Position auf dem Arbeitsmarkt haben: entweder weil sie neben harten Arbeitsbedingungen auch noch hohe Steuern und Abgaben tragen müssen - oder weil sie wegen überhöhter Lohnnebenkosten gleich gar keine Arbeit finden.

Aufgezeichnet von Dietrich Creutzburg.

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