Mehr Sex mit Liebe, weniger TV-Sender
Kleine Parteien stellen ungewöhnliche Forderungen

Die Lektüre des Wahlprogramms der Violetten zeigt ganz klar: Politik muss kein knallhartes Geschäft sein.

ddp BERLIN. «Spirituell gesehen inkarniert jeder Mensch in dem Land, in dem er sich entsprechend seinem Karma und seinem Bewusstseinsentwicklungsplan optimal entwickeln kann.» Dieser Satz stammt nicht etwa aus einem Esoterik-Handbuch, sondern beschreibt die Europapolitik der «Violetten», jener Partei, die sich für «Alternative spirituelle Politik im neuen Zeitalter» stark macht. Die Lektüre des Wahlprogramms zeigt ganz klar: Politik muss kein knallhartes Geschäft sein. Es geht im Wahlprogramm auch ganz sanft, etwa in der Umweltpolitik, denn «Boden, Wasser, Luft und Nahrung sind ein Geschenk des Göttlichen an alle Wesen», wie dort zu lesen ist.

Die «Violetten», die in Nordrhein-Westfalen antreten, sind eine von insgesamt 24 Parteien, die bei der Bundestagswahl den Sprung ins Parlament proben. Daneben werben eine Reihe weiterer «Exoten» mit eher ungewöhnlichen Forderungen um Wählerstimmen. Die «Christliche Mitte - Für ein Deutschland nach Gottes Gebot», die in vier Bundesländern antritt, will beispielsweise Gotteslästerung, Kuppelei und wilde Ehe wieder strafbar machen und gegen «Sexualität ohne Liebe» vorgehen. Zudem soll es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen laut Wahlprogramm keine Astrologie mehr geben und an den Schulen keinen Sexualunterricht. Frauen will die Partei «zur Pflege fraulicher und mütterlicher Eigenschaften» ermutigen und zu Gottesdienstzeiten den Sportbetrieb aussetzen.

Die feministische Partei «Die Frauen» macht sich für eine «ökofeministische Weltinnenpolitik» stark. Die Partei will den Bundestag verweiblichen und «höchstens» jeden fünften Platz im Parlament an einen Mann vergeben. In der Bildungspolitik setzt sie auf Frauen-Hochschulen. Außerdem sollen Städteplaner die Lebensform der Wohngemeinschaft stärker berücksichtigen.

Die Tierschutzpartei plädiert für die Einführung eines «Hundeführerscheins», mit dem Hundebesitzer ihr Können als Halter unter Beweis stellen, während die Rentner-Partei «Die Grauen» die Bevölkerung vor «Elektrosmog», «Kredithaien» und «unseriösen Gewinnversprechungen bei Kaffeefahrten» schützen will. Zudem fordert die Senioren-Partei die Einführung einer «Heimpolizei», um die Qualität von Altenheimen zu kontrollieren.

Die Bayernpartei, die nur auf bayerischen Wahlzetteln erscheint, fordert die Unabhängigkeit des südlichen Bundeslandes, einen bayerischen Sitz bei den Vereinten Nationen und die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zum Vatikan. Auch die Partei «Aufbruch für Bürgerrechte, Freiheit und Gerechtigkeit» tritt nur im Bayerischen an. Sie will durch Tiefenentspannung und Selbstheilungsmeditation die Konzentrationsfähigkeit von Schülern steigern sowie für mehr «Nestwärme» in den Familien und weniger Fernsehkanäle sorgen.

Die « Partei Bibeltreuer Christen » ist für die Einführung von Bibelunterricht an Schulen und setzt auf eine «christozentrische, bibelorientierte Drogenrehabilitation». Dagegen macht sich die «Bürgerrechtsbewegung Solidarität», die in insgesamt acht Bundesländern an den Start geht, für den «Ausbau der Eurasischen Landbrücke» stark. Wem nicht ganz klar ist, was darunter zu verstehen ist, dem hilft das Wahlprogramm auf die Sprünge: gemeint ist die «eurasische Verlängerung des produktiven Dreiecks Paris-Berlin-Wien».

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