Mehrheit zeigen sich mit bisherigen Ladenschlusszeiten zufrieden
Grenznahe Händler lehnen Liberalisierung ab

Wegen des Preiskampfes hier zu Lande verlieren sie kaum noch Kunden ans Ausland - im Gegenteil.

DÜSSELDORF/HAMBURG. Karl-Heinz Stamm winkt beim Thema Ladenschluss-Liberalisierung ab. "Einen Euro kann man nur einmal ausgeben", begründet der Besitzer zweier Herrenmode-Geschäfte in Geilenkirchen, einer Kleinstadt knapp hinter der deutsch-niederländischen Grenze, seine Abneigung gegenüber längeren Verkaufszeiten. "Eine Öffnung rund um die Uhr, das ist jenseits aller wirtschaftlichen Realität", warnt Franz-Leo Drucks, Inhaber des Aachener Sportgeschäfts Intersport Drucks.

Die Zurückhaltung der grenznahen Einzelhändler erstaunt, galten sie doch stets als diejenigen, die das deutsche Ladenschlussgesetz von 1956 am ärgsten beutelte. Während etwa Möbelhäuser in Venlo oder Maastricht in deutschen Wochenendzeitungen zum bequemen Sonntagsshopping jenseits der Grenze einluden, mussten heimische Händler ihre Läden ab Samstag, spätestens um 16 Uhr, zusperren.

Doch während in den Chefetagen von Metro oder Karstadt-Quelle unverhohlener Jubel über die neuen Pläne von Superminister Wolfgang Clement (SPD) ausgebrochen ist, den Kunden längeren Zutritt zu den Einzelhandelsgeschäften zu verschaffen, stehen die meisten Mittelständler einer Liberalisierung misstrauisch gegenüber. Selbst grenznahe Einzelhändler zeigen inzwischen nur bedingt Interesse, sich an die großzügigeren Regelungen in Belgien und den Niederlanden anzupassen.

Marlies Kade, die einen Mode- und einen Sportladen in der Kleinstadt Goch im Kreis Kleve betreibt und zehn Mitarbeiter beschäftigt, profitiert wie viele ihrer Kollegen mittlerweile vom niedrigen Preisniveau in Deutschland - Ergebnis der aktuellen Rabattschlachten und der permanenten Billig-Konkurrenz durch die Discounter. Aus der eigentlich prekären Situation zieht die Einzelhändlerin wie die meisten ihrer Kollegen ihren Nutzen: Denn nicht nur der Service in der Muttersprache hält die Deutschen mittlerweile in der Heimat, schmalere Brieftaschen verhindern bei vielen auch den früher üblichen Shopping-Trip über die Grenze. "Die Leute hier haben immer weniger Geld in der Tasche", glaubt Marlies Kade, "das macht sich bemerkbar." Gleichzeitig setzt die Modehändlerin auf die "Auswärtigen" - niederländische und belgische Touristen, die zum Shoppen und Flanieren ins Nachbarland fahren. In ganzen Familien und kleinen Gruppen zieht es die Bewohner von Eupen, Maastricht und Nimwegen nach Kleve, Goch und Geilenkirchen.

Nach Einschätzung der grenznahen Einzelhändler spielen angesichts der niedrigen Preise die eingeschränkten Ladenöffnungszeiten kaum noch eine Rolle. Hier liegt der normale Mehrwertsteuersatz bei 16 %, in den Niederlanden beträgt er 19 %, in Belgien sogar 21 %. Niederländern geht es außerdem wirtschaftlich meist besser als deutschen Arbeitnehmern; kaum jemand ist ohne Job.

Den Strom aus dem Westen wollen die Einzelhändler an der Grenze am liebsten noch verstärken. Die ersten zeigen sich sogar bereit, die Ladenöffnungszeiten anzupassen - aber in Maßen, wohlgemerkt. "Samstags bis sechs Uhr abends öffnen, das wäre ideal", sagt Herbert Wetzels, Filialleiter im Kaufhof Kleve. Er hält es aber für wenig sinnvoll, gleich alle Schwellen niederzureißen: "In Großstädten wie München ist das vielleicht etwas anderes, aber bei uns würden die Kunden nach neun Uhr abends nicht mehr auf der Matte stehen."

Lieber als fürs 24-Stunden-Einkaufen will Sportartikelhändler Drucks dafür kämpfen, die Öffnungszeiten im Grenzgebiet zu vereinheitlichen. Da ist er sich mit Marlies Kade und Kaufhof- Filialleiter Wetzels einig. Alle drei haben schon erlebt, wie enttäuscht "auswärtige" Kunden reagieren, wenn ein Laden schon dicht hat, obwohl andere noch geöffnet sind. Und alle drei haben festgestellt: "Die holländischen Kunden werden immer mehr, da ist noch Potenzial."

Dieses Potenzial wird im deutsch-dänischen Grenzhandel bereits dank der höheren dänischen Steuern kräftig ausgeschöpft. Für deutsche Ladenbesitzer scheint hier die Welt in Ordnung. Jeder sechste Däne fährt ab und zu zum Einkaufen auf die andere Seite der Grenze nach Harrislee, Süderlügum oder Aventoft. Der Handel hat sich seit Jahren darauf eingestellt. "Wir haben uns auf unsere dänischen Kunden spezialisiert", betont Geschäftsführer Gerd Wiltscheck von Pattburg & Poetsch in Harrislee bei Flensburg.

In drei Supermärkten auf je 1 200 qm Verkaufsflächen werden vorrangig Getränke, Bier, Süßwaren , Spirituosen, Tabakwaren und Kosmetika offeriert. Sie profitieren ohnehin schon von genehmigten Sonderöffnungszeiten: An sieben Tagen in der Woche sind die Läden von 7 bis 23 Uhr geöffnet. Zwar darf nach 20 Uhr nur Reiseproviant abgegeben werden. Aber weil das Preisgefälle zwischen Deutschland und Dänemark gewaltig ist, bewegt sich dieser "Proviant" bei den dänischen Käufern, die 99 % der Kunden ausmachen, in beachtlichen Größenordnungen.

Quelle: Handelsblatt

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